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Wirtschaft - 07.06.2019

Gastkommentar: Warum Deutschland besser ist als sein Ruf

Während Anleger aus der ganzen Welt ihr Vermögen in Deutschland in Sicherheit bringen, reden Untergangspropheten die Zukunft Deutschlands schlecht. Fakten und Sorgen gehen weit auseinander, meint Thomas Straubhaar.

Neu ausgegebene Bundesanleihen werden ungeachtet aller Panikmache wie warme Semmeln verkauft. Ganz offenbar ist vielen Anlegern der langweilige deutsche Spatz in der Hand lieber als die attraktive Taube auf dem Dach, die viel verspricht, was aber eben auch mit hohen Risiken und großer Unsicherheit verbunden ist.

Der Monatsbericht Mai 2019 des Bundesministeriums der Finanzen weist aus, dass auch im April Bundesanleihen ohne Mühe platziert werden konnten. Für die 5-jährigen Bundesanleihen galt ein Zinssatz von 0,00 Prozent, für die 10-jährigen einer von 0,25 Prozent und für die 30-jährigen einer von 2,50 Prozent. Derartig tiefe Zinssätze für so lange Laufzeiten sind das Gegenteil von Misstrauen. Sie entlarven alles Untergangsgerede als reine Verbreitung von Fake-News.

Deutschland bleibt stabil und überlebensfähig

Allerdings ist auch richtig, dass Anlagen in Bundesanleihen mit so langen Laufzeiten und so tiefen Zinssätzen bedeuten, dass die Investoren skeptisch sind, ob die Wirtschaft in den nächsten Dekaden überhaupt noch mit starker Dynamik wachsen wird oder ob nicht den Ökonomien eine von vielen als „säkular“ bezeichnete Stagnation bevorsteht. Sollte dies eintreffen, können natürlich selbst Anlagen, die am Ende der Laufzeit wenig mehr als den Nennwert eingespielt haben, noch attraktiver sein, als Alternativen, die sich noch schlechter entwickelt und insgesamt an Wert verloren haben. Aber diese Skepsis trifft dann auf Investitionen in anderen Ländern (und anderen Währungen) noch stärker als auf Deutschland zu. Oder anders ausgedrückt: im schlechtesten Fall wird auch Deutschland von weltweiten Turbulenzen mitgerissen werden, dürfte aber alles in allem dennoch stabiler und auch überlebensfähiger bleiben als die übrige Welt – mit Ausnahme ein paar weniger anderer sicherer Häfen wie der Schweiz und Norwegen. Ganz offensichtlich reagieren Finanzmärkte auf erwartbare Herausforderungen gelassener als aufgeregte Zukunftspessimisten, die (durchaus bestehende) deutsche Probleme und (ebenso durchaus bestehende) Erfolge in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Amerikas oder Afrikas mehr oder weniger unverändert und vor allem ungebrochen in die Zukunft extrapolieren, als gäbe es Probleme immer nur in Deutschland, nicht aber andernorts.

Natürlich gilt es in Deutschland sehr vieles sehr viel besser als in der Vergangenheit zu machen. Und ebenso zweifelsfrei wird gar manches andernorts weit rascher und effektiver entschieden und umgesetzt als hierzulande. Also überhaupt kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Digitalisierung und Datenökonomie benötigen komplett andere Rahmenbedingungen als Massenindustrie und Güterproduktion. Das Automobil muss die Transformation zum autonomen Mobil schaffen, Infrastruktur hat smarter und grüner zu werden und mehr ist dafür zu tun, dass künstliche Intelligenz alles durchdringen kann. Aber genau vor diesen Herausforderungen stehen auch alle anderen Gesellschaften – weltweit. Ob sich China mit einem autoritären Staatskapitalismus und einem staatlichen Monopol für Big Brother oder die USA mit einem Finanzkapitalismus und privaten Monopolen des Big Business als der Weisheit letzter Schluss erweisen werden, ist noch keinesfalls erwiesen.

Abstieg und Untergang sehen anders aus

Es ist die Empirie der Fakten, die für und nicht gegen den Optimismus sprechen, dass es unseren Kindeskindern besser und nicht schlechter als uns gehen wird. Der Zweifel an einer erfolgreichen Zukunft Deutschlands gehört zu den medialen Dauerbrennern. Gemessen an der Realität haben sich alle Untergangsprognosen und Abstiegspamphlete als fiktive Belletristik enttarnt – weit weg von tatsächlichen Entwicklungen. Besonders dramatisch zeigt sich die Fehleinschätzung bei einem Vergleich, wie sich die realen Pro-Kopf-Einkommen in der letzten Dekade verändert haben. Mitte der 2000er Jahre erreichte Deutschland ziemlich genau den Durchschnitt aller hoch entwickelten Volkswirtschaften. Ein Jahrzehnt später liegt die Bundesrepublik zehn Prozent voran – außer den USA konnte keines der führenden Industrieländer mithalten. Abstieg und Untergang sehen anders aus. Es gibt kaum einen sozioökonomischen Indikator, bei dem Deutschland heute schlechter dasteht als vor einer Dekade. Die Bevölkerung lebt besser, länger und gesünder.

Es sind Optimismus und Zuversicht, die – so die Fakten der Vergangenheit – die Menschheit vorangebracht haben, nicht die Fakes, die den Untergang prophezeiten.

Thomas Straubhaar ist ein Schweizer Ökonom und Migrationsforscher. Er ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Er war von 1999 bis 2014 Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs (HWWA) und des daraus hervorgegangenen Hamburgischen Weltwirtschaftsinsituts (HWWI). Soeben ist sein neues Buch „Die Stunde der Optimisten – So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft“ bei Edition Körber erschienen.

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