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Sport - 23.10.2018

„Noah möchte schreien, aber es kommt kein Ton raus“

Seit einem Straßenbahn-Unfall am 4. Oktober ist der 20-jährige Basketballer Noah Berge aus Dresden vom Hals abwärts gelähmt. Seine Mutter Claudia hat sich nun erstmals zum aktuellen Zustand ihres Sohnes geäußert. 0

Die Anteilnahme ist groß. Und das Geld, das seit dem Unfall gespendet wird, wird täglich mehr. Knapp 100.000 Euro sind rund drei Wochen nach dem schweren Verkehrsunfall des ehemaligen Zweitliga-Basketballers Noah Berge zusammengekommen. Der 20-Jährige ist seither vom Hals abwärts gelähmt.

Als Claudia Berge, die Mutter, von dem Unfall erfuhr, der das Leben ihres Sohnes Noah in einen pechschwarzen Abgrund riss, machte ihr Verstand erst mal dicht. „Ich habe gar nichts gedacht“, sagt sie im Gespräch mit der Internet-Plattform GoFundMe, „komplette Leere. Ich habe das alles gar nicht geglaubt.“ Tagelang klammerte sie sich an den Gedanken, dass es nur ein schlechter Traum ist, aus dem sie irgendwann erwachen und erleichtert in ihren normalen Alltag zurückkehren kann.

Es war kein Traum, es ist ein Albtraum, in dem sich Claudia und Noah irgendwie zurechtfinden müssen. Am 4. Oktober wurde der junge Zweitliga-Basketballer von den Dresden Titans in der Nähe einer Haltestelle am Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena von einer Straßenbahn erfasst und erlitt dabei schwerste Verletzungen. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt, eine Situation, die in all ihrem Grauen kaum greifbar ist – vor allem für seine Mutter.

„Mal ist er traurig, mal resigniert“

Nach wie vor liegt Noah Berge auf der Intensivstation, er ist bei Bewusstsein, aber dennoch unfähig, mit seiner Mutter oder seiner Freundin zu kommunizieren. „Er kann nicht sprechen, weil er weiterhin beatmet wird“, sagt Claudia Berge, „die Ärzte sagen, dass er erst wieder hörbar sein kann, wenn er selbstständig atmet.“ Oft frage Noah nach Schmerzmitteln, „weil er Schmerzen hat, der Kopf und überhaupt. Die Ärzte sagen, dass das normal sei, wenn auch für uns schwer auszuhalten.“

Mental durchlebt die alleinerziehende Mutter zweier Söhne an der Seite ihres Ältesten eine schlimme Achterbahnfahrt. „Mal ist er traurig, dann resigniert, dann scheint er kurz vorm Durchdrehen zu sein, möchte schreien, aber es kommt ja nicht mal ein Ton heraus“, sagt Claudia Berge: „Er ist gefangen in seinem Körper. Und das tut mir, die ihn so gerne beschützen würde, unendlich weh.“

Noah Berge hat noch nicht so richtig begriffen, was mit ihm passiert ist und in welchem Zustand er sich schlimmstenfalls für den Rest seines Lebens befinden wird. „Die Realität erreicht ihn stückchenweise“, erzählt seine Mutter: „Bei jeder Visite hört er etwas von Querschnitt.“

An seinen Lippen habe sie kürzlich die Frage ablesen können, warum er seinen Arm nicht spürt: „Ich habe ihm unter Tränen geantwortet, dass es daran liegt, weil seine Wirbelsäule doch so schwer verletzt wurde. Und da sagte er: Ach so, danke Mama!“ Die gesamte, brutale Realität erreiche ihren Sohn aber nur Stück für Stück: „So wie auch uns, sonst würde man verrückt werden und durchdrehen.“

Freundin startet Spendenaktion

Einen geregelten Tagesablauf mit Rehamaßnahmen, die auf die Zukunft ausgerichtet sind, wie ihn beispielsweise die von der Brust abwärts gelähmte Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel nach ihrem schweren Trainingsunfall im Juni mittlerweile hat, gibt es für Noah Berge noch nicht. Von einem Freund hat Claudia Berge ein paar Basketballschuhe ausgeliehen, „die Noah im echten Leben viel zu groß wären. In der Klinik soll er diese hin und wieder angezogen bekommen, damit die Füße gerichtet werden können.“

Um die Familie in ihrer Not zu unterstützen, hatte eine Freundin von Noah kurz nach dem Unfall eine Spendenkampagne auf der Internet-Plattform GoFundMe ins Leben gerufen. Mehr als 1800 Menschen haben bereits gespendet. Das Geld soll in Reha- und Therapiemaßnahmen investiert werden, auch ein möglicher Umzug in ein behindertengerechtes Haus wird ein Thema werden, hinzu kommen Aufwendungen für Pflegekräfte und Pflegemittel.

„Die Masse an Leuten, die Noah unterstützen, rührt mich unglaublich“, sagte Claudia Berge in dem Gespräch mit GoFundMe. Irgendwann ist bei der leidgeprüften Mutter die anfängliche Trance einer bleiernen Schwere gewichen. Manchmal, in ganz dunklen Stunden, grübelt sie darüber nach, was das eigentlich für eine Prüfung sein soll, die ihnen da auferlegt wurde. Am Ende schält sich dann ein kleiner heller Gedanke aus der tiefschwarzen Nacht: „Ich bin so dankbar, dass Noah lebt.“

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