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Kultur - 11.01.2019

Von offenen und geschlossenen Türen

Vor dem Start als Philharmoniker-Chef: Kirill Petrenko gastiert mit dem Bundesjugendorchester in Berlin.

Gipfel im Blick. Kirill Petrenko dirigiert den Nachwuchs.

Die Neugier auf den Dirigenten, der ab Sommer endlich sein Amt als künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker antritt, bestimmt auch dieses Konzert – obwohl der Nachwuchs auf dem Podium sitzt. Kirill Petrenko gastiert mit dem Bundesjugendorchester, dessen Patenschaft die Philharmoniker übernommen haben. Simon Rattle hatte einen so direkt zündenden Kontakt zu den jungen Musikerinnen und Musikern aufgebaut, die zwischen 14 und 19 Jahre alt sind, dass das Bundesjugendorchester ihn zum Ehrendirigenten ernannte. Viele gute Gründe also für Petrenko, neben den zwei Programmen mit den Philharmonikern in dieser Saison auch mit der nächsten Generation in Kontakt zu treten.

Spannend ist seine Tournee mit dem Bundesjugendorchester zum 50-jährigen Bestehen des Ensembles auch deshalb, weil sie für den Dirigenten eine besondere Herausforderung bietet: Petrenko gilt als minutiöser Probierer, der nicht aufhört, an seiner Interpretation zu feilen. Für Profiorchester, die Philharmoniker zumal, stellt dieses Streben ohne Ende einen kreativen Stachel dar. In der Rolle des Lehrers aber, der um die Begrenztheit dessen weiß, was eine Arbeitsphase Anfängern vermitteln kann, muss Petrenko sein Ethos neu ausrichten. Und dabei auch den Vorbehalt entkräften, dass er Schwierigkeiten damit hat, die Zügel auch mal locker zu lassen. Die Annahme, Petrenko sei ein totaler Kontrollfreak, führte auf einem Klassikblog jüngst zu der unbelegten Meldung, er wolle als Philharmoniker-Chef keinerlei kommerzielle Einspielungen machen. Noch schürt sein Schweigen, das er erst bei seiner Programmvorstellung Ende April brechen wird, die Spekulationen. Hat man sich am Ende einen neuen Celibidache gekürt, der die Philharmonie wieder zum Kunsttempel machen will?

Angesichts dieser nicht immer freundlich gestellten Fragen ist es gar keine leichte Aufgabe, mit dem Bundesjugendorchester Station in der Philharmonie zu machen und dabei selbst den Zweiflern zu beweisen, dass man auch mit Lockerheit zur Spitze gelangen kann. Das Programm fordert vom ersten Takt an ein untrügliches Gespür für den Swing. Leonard Bernsteins Symphonische Tänze aus der „West Side Story“ tanzen fingerschnippend in ein Drama aus heißen und kalten Leidenschaften. Da kreisen selbstbewusst Hüften, blitzen Messer, schwingt sich eine Liebe hinauf zu den Sternen. Petrenko hat das rhythmisch sehr genau einstudiert und widersteht der Versuchung, am Pult noch weiter nachzuschärfen, bis hin zur Sprödigkeit. Sein „Mambo“ setzt auf Übersicht statt Tumult und versucht gar nicht, so zu tun, als seien hier Südamerikaner an den Instrumenten. Die Liebesszene atmet eine zarte Keuschheit, die Jugendliche nicht in Verlegenheit bringt, dem eigenen Erleben aber auch fernbleiben muss. Da hat Rattle selbst mit Bruckners Neunter beim Bundesjugendorchester mehr Bauchregionen ansprechen können.

Mit Sacre wagt sich Petrenko an Rattles signature piece

Über 80 Prozent der kurzzeitigen Ensemblemitglieder werden später tatsächlich Profimusiker, manche gar Philharmoniker wie Solopauker Wieland Welzel, der dankbar Konrad tätschelt, das Maskottchen des Bundesjugendorchesters. Mit der aktuellen Besetzung tritt Welzel als Solist im 1. Paukenkonzert von William Kraft auf. Der heute 95-jährige Komponist war lange Zeit selbst Pauker beim Los Angeles Philharmonic. Sein Konzert beginnt ohne Schlägel, mit den Fingern und der sich langsam härtenden Hand. Es bietet reizvolle Aufgaben für Welzels junge Schlagzeugerkollegen – und zeigt, wie genau Petrenko Klangräume auszuleuchten vermag. Das Perkussive wächst unwiderstehlich in den Orchesterklang hinein, aus den Streichern hört der Dirigent Echos amerikanischer Transzendentalisten heraus, als sei es ein Stück von Ives. Welch ein Balancieren hinter diesem Höreindruck steckt, offenbart Welzels Zugabe, eine Etüde aus eigener Fertigung. Da klingt plötzlich gar nichts mehr verbunden und offen, sondern nur noch nach geschlossener Übungsraumtür.

Nach der Pause wartet dann mit Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ die absolute Verausgabung auf das Bundesjugendorchester, ein technisch kapriziöses Rauschritual, das von virtuoser Härte lebt. Auch hier drängt sich der Vergleich zu Rattle auf, der das „Frühlingsopfer“ zu einem signature piece sowohl für seine wuchtig-virile Philharmoniker-Klangvision als auch für seine Jugendarbeit geformt hat. Die Tiefe dieses Berliner Strawinsky-Sounds will Petrenko gar nicht imitieren, im Gegenteil. Er lichtet aus, führt fürsorglich durch die verschlungene Rhythmik, legt klare dynamische Höhepunkte fest. Seine Körperspannung fängt auch nachlassende Kräfte im Orchester auf. Die Zugabe, ein Zwischenspiel aus Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, lässt Petrenko so ungestüm in den Saal donnern, dass für heute alle Vorsicht und Beherrschung jubelnd vergessen sind.

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