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Kultur - 15.06.2019

Hoffnung auf eine höhere Ordnung

„Römische Tage“ heißt das zweite Buch von Simon Strauß, ein Buch über die Stadt, die Zeit und den Tod. Eine Begegnung mit dem Schriftsteller in Rom.

Der Schriftsteller Simon Strauß, 30, in Rom.

Simon Strauß muss an diesem römischen Dienstagnachmittag auf der grell sonnenbeschienenen Piazza del Popolo nicht lange überlegen, welches Café oder Restaurant angenehmer ist, um sich zu unterhalten und etwas zu trinken. „Das Rosati ist der traditionellere, altehrwürdigere Laden, aber snobistischer, auch das Publikum dort. Wir gehen besser ins Cavona, das liegt genau gegenüber“.

Strauß kennt sich aus in dieser Gegend, in Roms historischem Zentrum. Er hat hier vergangenes Jahr zwei Monate verbracht, den Juli und den August, auf Einladung des nur ein paar Meter von der Piazza del Popolo entfernten, am Ende der Via del Corso gelegenen Casa di Goethe. Das Goethe-Haus, das vom deutschen Kulturministerium finanziert wird, beherbergt ein Museum und eine Bibliothek, versteht sich als Kulturzentrum und offeriert hin und wieder ein Zimmer für Stipendiaten, so wie für Strauß. Und der hat über diesen Aufenthalt nun ein Buch mit dem Titel „Römische Tage“ geschrieben, es ist das zweite nach seinem Debüt „Sieben Nächte“ von 2017 und erscheint kommende Woche. (Tropen Verlag. Stuttgart 2019. 144 Seiten, 18 €. )

„Römische Tage“ soll auch ein Bilderbuch für einen verstorbenen Freund sein

Dass er über seine Zeit in Rom schreiben würde, sei ihm vom ersten Tag an klar gewesen, sagt Strauß zunächst, was aber nicht gleich im Zusammenhang gestanden habe mit der langen Reihe seiner schreibenden Vorfahren von Goethe, klar, über Ingeborg Bachmann bis Rolf Dieter Brinkmann. Er hatte immer einmal einen Sommer in Rom verbringen wollen, und zwar mit einem sehr guten, aus Frankreich stammenden Freund, den er während seines Geschichtsstudiums kennengelernt hatte. Der Freund starb vor zwei Jahren an Krebs, er war in Strauß’ Alter. „Ihn hat es innerhalb weniger Monate dahingerafft. Das war für mich das erste Mal, dass ich mit dem Tod so eng in Berührung gekommen bin“. Bei der Rom-Reise ging es ihm schließlich darum, „festzuhalten, was er hätte sehen können. Wenn Sie so wollen ist ,Römische Tage’ ein Vermächtnis, ein Bilderbuch für den verstorbenen Freund.“

Das klingt harmlos, ein Buch, das aus privater Motivation entstanden ist, das Buch eines Flaneurs, ein schmales, knapp über hundert Seiten zählendes. Doch es ist ambitionierter, Strauß hat schon auch andere Ansprüche. Und er ist mit seinen gerade einmal 30 Jahren nicht einfach ein junger Autor mit einem zweiten Buch. Sein Debüt hatte eine der inzwischen inflationär geführten Debatten im Literaturbetrieb ausgelöst, in diesem Fall eine der seltsamsten, überflüssigsten. Sie begann mit einem Meinungsbeitrag in der „taz“. Darin hieß es, Strauß würde „Treibstoff für die Ultrarechten“ liefern, „im Gewand der Romantik Pamphlete für die Neuen Rechten“ schreiben, und das als „angeblich neuer Messias der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“. Stabilster Hintergrund dieser Vorwürfe war der Auftritt des rechten Verlegers Götz Kubitschek in einem von Strauß initiierten sogenannten Jungen Salon in Berlin – und plötzlich ergab sich da ein schönes neues Feindbild: ein junger Autor, überdies der Sohn von Botho Strauß und „FAZ“-Theater-Redakteur, und dazu ein Ich-Erzähler, der sich als Kunstfigur nur schwer von Strauß abgrenzen ließ; der sich ein bisschen verzweifelt zeigte, ein bisschen zornig, nicht zu Kompromissen bereit, auf der Sinnsuche für seine Generation, so oft sprach er von einem „Wir“.

Strauß sagt, das Buch habe keine „politische Agenda“

Die Debatte nahm den üblichen Verlauf, es resultierte nichts aus ihr – außer dass Strauß nun im Verdacht steht, mit jedem weiteren Buch eine Debatte auslösen zu können. „Steht was Skandalöses drin?“ wurde man vor der Begegnung in Rom tatsächlich gefragt. Oder es war von „Anmaßung“ die Rede, weil der Verlag das Buch unter anderem bewirbt mit der Zeile: „Ein Sommer in Rom, 231 Jahre und acht Monate nach Goethe“.

Nun kommt Strauß, wie er da im hellblauen Hemd, dunkelblauer Hose und braunen Slippern im Café sitzt, von ganz allein auf seine Position im Literaturbetrieb zu sprechen, „es gibt bestimmt wieder einigen Gegenwind.“ Er habe sich das anders gewünscht, aber man könne es sich halt nicht aussuchen. Das klingt kokett, so wie auch die Aussagen, „Römische Tage“ habe „keine politische Agenda“ und er selbst sei endlich einmal davon befreit gewesen, sich rechtfertigen, keine Rolle mehr spielen zu müssen. Bei solchen Sätzen winkt von fern der späte Martin Walser herüber. Doch stimmt es, wenn Strauß sein Buch als eine Reihe von „Short Cuts“ beschreibt. Junger Mann, der in der Casa di Goethe wohnt, läuft durch Rom, verliebt sich in in eine Italienerin, hat Herzprobleme, konkret physische wie psychosomatische, beobachtet und trifft Menschen, sieht das Schöne, das Ewige, aber auch das Hässliche, das Gegenwärtige. Und, da wird es ambitioniert, tiefgründelnder: Er macht sich Gedanken über die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in der Stadt, über die Zeit, über Freundschaften, über den Tod. „Das war zentral für mich beim Schreiben dieses Buches“, so Strauß.

Bei allen Privilegien, derer Strauß sich bewusst ist, aller bildungsbürgerlichen Rom-Annäherung, die ihn ans Grab von Keats führt, vor der Wohnung Bachmanns stehen oder Goethe zitieren lässt, möchte Strauß, möchte sein Erzähler durchaus dezidiert politisch sein. Er besucht zum Beispiel ein Flüchtlingslager, wo ihm ein alter Mann die Messerstiche auf seinem Bauch zeigt; wo es Helfer mit T-Shirts gibt, auf denen „Palästina“ steht. Oder er begegnet einem Schauspieler, der jetzt rechts wählt, genau wie der Mann einer Nachrichtensprecherin. Die wiederum sagt, die EU sei keine Besatzungsmacht, der man „untertänigst“ zu gehorchen habe, von wegen Ökologie und Ökonomie. Worauf der junge Deutsche „eine Gegenrede“ hält: „Schwärme von Europa als alter Traumfabrik mit dem sechsten Zeh, die Hoffnung auf eine höhere Ordnung macht, zusammenhält, was unter der Hand zu zersplittern droht. (…) Und dann nenne ich Europa noch ein Sanatorium für betrogene Herzen. „Seelenreinigung“ stünde über dem Tor, „Wiederverzauberung“ am Klingelschild.“

Wenn es um Europa geht, sprudelt es förmlich aus ihm heraus

Man muss Strauß auf solche Sätze gar nicht extra ansprechen. Wenn es um Europa geht, sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Das liege gerade hier in Rom auf der Hand mit der Krise, sagt er, immer wieder hätten junge Römer von „totaler Krise im Land“ gesprochen, dass sie nur aus Rom wegwollten. So wie es ihm später dann auch eine RAI-Journalistin bestätigt hat: „Leb einmal ein Jahr hier, dann willst du auch nicht mehr bleiben“.

Und er führt an diesem heißen Dienstag im Cavona an, dass er sich mit seinem verstorbenen Freund oft über Europa unterhalten habe. Beide seien mit ihren unterschiedlichen deutsch-französischen Hintergründen nie einer Meinung gewesen, bloß im Bezug auf Rom: „Der ideale Ort für eine Auseinandersetzung mit Europa ist Rom. Denn hier lebt der europäische Gedanke in Kunst und Kultur fort. Die ganzen ökonomischen Diskussionen in Europa momentan führen zu keiner Versöhnung, sondern eher zu einer Verschärfung. Ich muss immer an den Satz von Europas Gründungsvater Jean Monnet denken: ,Wenn ich noch einmal anfangen müsste, Europa zu gründen, würde ich mit der Kultur beginnen und nicht mit der Ökonomie’.“

Fast zwangsläufig ist es da, dass auf die Buchpremiere am Abend im Goethe-Haus noch eine Diskussion zwischen Strauß und dem italienischen Philosophen und Politikwissenschaftler Angelo Bolaffi folgt. Beide sprechen über die Unlust an Europa, den drohenden Zerfall. Strauß umtreibt dieses Thema schon länger. Er hat die Gruppe „Arbeit an Europa“ mitbegründet, die sich mehrmals im Jahr in verschiedenen europäischen Städten trifft und über Europa debattiert.

Strauß vergräbt ein Exemplar seines Buches im Römischen

Das Selbstbewusstsein, mit dem Strauß auf der Bühne sitzt, das ihn seine Interviews führen lässt, ist erstaunlich, das Wissen um die eigene Relevanz und Intellektualität. Vermutlich meint er deshalb, von Rom aus schnell auch einmal die Lage in Deutschland beschreiben zu müssen, mit leicht undurchdringlichen Sätzen wie zum Beispiel diesem: „Vor der Nation zucken die Verwalter zusammen, reden lieber von Menschen als von Bürgern und halten bei Auschwitz den Atem nicht mehr an.“

Auch die romantische Agenda gibt es weiter. Empfindungen sollten wieder viel mehr eine Rolle spielen, sagt er am Nachmittag, Gefühle solle man ernst nehmen. In „Römische Tage“ schlagen sich solche Aussagen in Vokabeln wie „Ganzheitsempfinden“ nieder, „Hoheitssehnsucht“, „Wahrheit in der Kunst“ oder „Angst vor dem Transzendenzverrat“, den jeder Romantiker in sich trage.

Strauß sagt, er wolle sich das nicht nehmen lassen, es genau so auszudrücken. Mit der Ironie sei es nun wirklich lange vorbei. Und so spekuliert sein Erzähler am Ende des Buches, dass „der einzig ehrliche romantische Satz“, der überdies wunderbar auf Rom passt, dieser sei: „Ich war hier zuvor“. Und um der ganzen romantischen Transzendenz ein bisschen was Praktisches mitzugeben, macht sich Simon Strauß schließlich in der Nacht noch mit seinem Verleger und ein paar Freunden auf in Richtung des von der Piazza del Populo aufsteigenden Villa-Borghese-Parks. Ziel dieses Ausflugs in den jetzt menschenleeren Park: Das Vergraben eines Exemplars von „Römische Tage“ im römischen Boden. So viel Pathos, so viel Beschwörung der Zeit, so viel Ewigkeitsbewusstsein muss sein.

Die Berliner Buchpremiere findet am Di, 18.6. , 19 Uhr, in der Geistesblüten Buchhandlung am Walter-Benjamin-Platz statt.

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