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Kultur - 08.07.2019

Geld zum Gruße

An die alte Zollgrenze Berlins erinnern heute nur noch Ruinen. Auf den Spuren der Akzisemauer.

In der Hannoverschen Straße in Mitte steht der letzte Rest der alten Zollmauer, integriert in einen Neubau aus den Neunzigern.

Ein massives Bauwerk, das einhegen und schützen, aber auch trennen und begrenzen kann. Mura, Murus – das Wort ist althochdeutschen und lateinischen Ursprungs. Den Steinbau haben die Germanen von den Römern übernommen. Keine Zivilisation ohne Mauern. Sie sind so alt wie China oder Babylon. Und was sie bedeuten können, hat im 20. Jahrhundert keine Stadt schmerzhafter erfahren als Berlin. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall existieren hier immer noch Mauern. Unsere Sommerserie blickt dahinter.

Die rote Backsteinwand in der Hannoverschen Straße 9 in Berlin-Mitte kurz hinter der letzten Kurve zum Robert-Koch-Platz wirkt unscheinbar. Nichts lässt auf die historische Bedeutung des Mauerwerks schließen, woran die eigenschaftslose Funktionsarchitektur des Wohnhauses nicht ganz unschuldig ist, die auf diesem Mauerrest sitzt. Was man im Nachwende-Boom halt für modern befand, um dem Quartier seine DDR-Tristesse auszutreiben. Unter der Adresse firmiert heute unter anderem ein Start-up für Bestattungen, an der Haltestelle ein paar Meter weiter warten eine Handvoll Jugendliche und eine Rentnerin auf den Bus. Hier, im Einzugsbereich der Charité, die die alte Friedrich-Wilhelm-Stadt bereits im 19. Jahrhundert dominierte, endet das hippe Berlin aus den Stadtführern. Auch darum findet das Mauerwerk kaum Beachtung.

„Die Mauer ist mir früh aufgefallen“, erinnert sich Helmut Zschocke. „Vor der Wiedervereinigung stand sie vollkommen frei. Ich hab mir lange nichts dabei gedacht, bis mich der Heimatverein darauf aufmerksam machte, dass es sich um einen Teil der alten Zollmauer handelt.“ Zschocke steht vor einem schmiedeeisernen Infokasten, in dem die Geschichte des historischen Mauerstücks nachzulesen ist. Der gelernte Volkswirt lebt seit über 30 Jahren in der Nachbarschaft, Mauern sind gewissermaßen Teil seiner Sozialisation.

Also begann er, Nachforschungen anzustellen. „Berlin ist mein Hobby“, meint er verschmitzt. Aus dem Hobby wurde eine Obsession, aus der das Buch „Die Berliner Akzisemauer: Die vorletzte Mauer der Stadt“ hervorging, erschienen 2007 im Berlin Story Verlag. Da war Zschocke bereits Pensionär und konnte seiner Leidenschaft als Hobbyhistoriker in aller Ruhe nachgehen. Es ist keine Koketterie, wenn er sagt, „dass es in Berlin niemanden gibt, der sich mit der Akzisemauer so gut auskennt wie ich.“ Bei aller Bescheidenheit, versteht sich. Tatsächlich hat sein Buch das Zeug zum Standardwerk.

Die Akzisemauer zählt zu den bestgehüteten Geheimnissen der Stadt

Berlin hat ein zwiespältiges Verhältnis zu seinen Mauern. Die Akzisemauer zählt jedenfalls zu den bestgehüteten Geheimnissen der Stadtgeschichte. Touristen werden direkt zum Brandenburger Tor kutschiert, im 18. Jahrhundert der westlichste Außenposten Berlins. In der Littenstraße, einen Steinwurf vom Amtsgericht am Alexanderplatz entfernt, ist noch ein kleiner Restbestand der mittelalterlichen Stadtmauer erhalten: im 13. Jahrhundert der äußere Verteidigungswall der Städte Berlin und Cölln.

Seit zwei Jahren erinnert eine Infotafel an den historischen Ort.

Die Akzisemauer, deren Bau der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. anordnete, um Fahnenflucht zu unterbinden und die Kriegskasse aufzustocken (der Dreißigjährige Krieg war den Preußen noch in böser Erinnerung), ist hingegen in Vergessenheit geraten. Heute zeugen nur noch die Namen der damaligen Stadttore vom einstigen Verlauf der Zollgrenze: Oranienburger Tor, Schlesisches Tor, Frankfurter Tor und, natürlich, das Brandenburger Tor. Der 80-jährige Zschocke hat früher auch Stadtführungen entlang der alten Zollmauer organisiert, drei Stunden dauerten die Touren.

Der Hauptgrund für die Vernachlässigung liegt auf der Hand. Das Bauwerk ist seit über 200 Jahren nahezu spurlos aus dem Stadtbild verschwunden. Das dreieckige Ensemble, dessen Außenfassade auf einer Länge von 40 Metern die Hannoversche Straße säumt, bildet den Innenhof um den Neubau aus den späten Neunzigern. Das Metalltor am Ende des Mauerstücks gibt den Blick auf die Innenstruktur mit den geschwungenen Bögen des Baumeisters Schinkel frei, der zu Beginn der 1830er Jahre die nördliche Expansion Berlins bis zum Neuen Tor gestaltete. Es ist der letzte noch erhaltene Abschnitt der Akzisemauer. In der Kreuzberger Stresemannstraße, unweit der Tagesspiegel-Redaktion, wurde 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier auf dem Mittelstreifen der Fahrbahn auf dem freigelegten historischen Fundament der Originalmauer eine Rekonstruktion errichtet.

Helmut Zschocke hat zehn Jahre für die Infotafel gekämpft

Zschocke ist stolz auf die Infotafel, deren Text er selbst verfasst hat. Zehn Jahre Amtsgänge hatte er hinter sich, als die Tafel im Februar 2018 aufgestellt wurde. Drei Funktionen, erzählt er, erfüllte die Mauer bis zum Beginn der Abrissarbeiten im Jahr 1863 – weil sie in der explosiv wachsenden Metropole ihren Zweck verloren hatte: nach innen als Schutzwall gegen Deserteure (zumindest bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen 1814), als Einnahmequelle sowie zur Einreisekontrolle.

Berühmtester Leidtragender dieser Maßnahmen war der damals 13-jährige Moses Mendelssohn, von dessen Berlinreise die verschiedensten Überlieferungen kursieren. Als gesichert gilt nur, dass Mendelssohn 1734 seinem Lehrmeister zu Fuß von Dessau nach Berlin folgte, um dort von den Torwärtern wieder abgewiesen zu werden. Juden durften unter Friedrich II. nur über zwei Tore, das Prenzlauer und das Hallesche Tor, einreisen. Der Sohn des Soldatenkönigs benutzte die Akzisemauer verstärkt auch zur sozialen Kontrolle. „Als Reisender machte man sich, insofern man nicht Kaufmann, Händler oder Diplomat war, im 18. Jahrhundert automatisch verdächtig,“ sagt der Mendelssohn-Experte Sebastian Panwitz. „Juden genossen bei Friedrich II. kein besonders hohes Ansehen. Er war der Meinung, man müsse ihre Zahl im Lande und in Berlin begrenzen.“ Sein Revidiertes General-Privilegium und Reglement von 1750 unterschied zwischen ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden preußischer Herkunft sowie Juden ohne rechtlichen Status.

Auf dem historischen Fundament wurde in der Stresemannstraße in Berlin-Kreuzberg die Zollmauer nachgebaut.

Die Akzisemauer ist damit auch ein frühes Beispiel für das Zusammenspiel von wirtschaftlichen, militärischen und sozialen Interessen. „Ein Großteil der Akzise“, so Panwitz, „kam dem Heer zugute. Darum hatte das Militär ein großes Interesse am wirtschaftlichen Wachstum der Stadt.“ Der sukzessive Ausbau der anfänglichen Palisaden zu steinernen Stadttoren im späten 18. Jahrhundert diente sowohl der Verteidigung als auch der Eindämmung von Schmugglergeschäften.

Der Architekten Kleihues wollte eine „kritische Rekonstruktion“ Berlins

Auch der knapp zehn Meter lange Mauerstreifen in der Stresemannstraße lockt kaum Neugierige an. Seit Jahren zieren Graffiti das Gemäuer, immerhin hat es sich dank der Streetart ins Stadtbild eingefügt. Touristenbusse parken vor den Hostels und Motels, aber niemand interessiert sich hier für die verschwundene Geschichte Berlins. Die Stresemannstraße ist alles andere als eine Flaniermeile.

Dabei geht der Nachbau der alten Zollmauer unmittelbar auf das Wirken des Architekten Josef Paul Kleihues und seine Idee der „kritischen Rekonstruktion“ zurück. Als Planungsdirektor der Internationalen Bauausstellung 1987 entwickelte er das Konzept der „Stadtreparatur“, um die historische Bebauung der Mauerstadt wieder sichtbar zu machen. „In Berlin gibt es verschiedene Generationen von Mauern, die alle nur fragmentarisch erhalten sind“, erklärt der Landeskonservator Christoph Rauhut. „Es stellt sich immer die Frage, inwieweit bauliche Maßnahmen den Kontext eines Denkmals verändern. Ziel muss es sein, dass ein Denkmal als solches lesbar bleibt.”

Das Wohnhaus in der Hannoverschen Straße mitsamt integriertem Mauerwerk wirkt dagegen eher wie eine architektonische Chimäre. Helmut Zschocke, der das Mauerstück noch als freistehende Reststruktur kennt, zuckt nur mit den Schultern. Er hat seine Infotafel bekommen. „Ich fühle mich für die Mauer verantwortlich. Man freut sich, dass etwas bleibt.“ Auf seinen Nachmittagsspaziergängen kommt er gerne an der Stelle vorbei, während sich die Stadt drum herum weiter verändert. Immerhin dieses Stück Mauer hat der Geschichte getrotzt.

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