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Kultur - 14.06.2019

Das Heilige und das Profane

Eine Berliner Begegnung mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben.

Nachbereitung zum Heraklit-Seminar. Martin Heidegger und Giorgio Agamben 1966 in Thouzon, Département Vaucluse.

Wie schmal und zerbrechlich er ist. Und mit welcher demutsvollen Freundlichkeit er durch die Ausstellung führt, die ihm das Italienische Kulturinstitut Berlin gewidmet hat. Als wäre er, Giorgio Agamben, nicht der Gegenstand dieser „Lebenswelten“, die „Bücher, Bilder, Begegnungen“ aus einem mittlerweile 77-jährigen Leben sammeln, sondern ein bloßer Kustos: der unscheinbare Zwillingsbruder jenes Philosophen, der sich in Berlin nun eine ganze Woche lang mit Vorträgen, Diskussionen und Seminaren präsentiert. Dabei hat auch derjenige, der einem aus den Bildern und Texten an der Wand entgegentritt, etwas Zurückgenommenes.

Näher als in diesen Materialien, die überwiegend aus Agambens reich illustriertem „Autoritratto nello studio“ stammen, einem vor zwei Jahren erschienenen und noch nicht ins Deutsche übersetzten „Selbstporträt im Arbeitszimmer“, wird man Agamben öffentlich nicht kommen. Denn die dichten und eleganten Texte, allesamt bezogen auf Dinge, die sich rund um seinen einst römischen und heute venezianischen Schreibtisch fanden, verweigern alles im strengen Sinn Autobiografische.

Auch die in der Ausstellung entfalteten Erinnerungsmomente beziehen sich nur auf geistige Stationen. In mehreren Abteilungen geht es mit poetischer Prägnanz um die Kindheit in Rom – aber eben ohne dass das Elternhaus eine Rolle spielen würde. Es geht um die 1966 von dem Dichter René Char initiierte Begegnung mit Martin Heidegger in der Provence; um die jüdische Philosophin Simone Weil, über die der junge Jurist und Philosoph promovierte; um Pier Paolo Pasolini, der ihn 1964 einlud, bei seinem Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ die Rolle des Apostels Philippus zu übernehmen. Um die Freundschaft mit dem Schriftsteller José Bergamin, zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein vehementer Antifaschist, später ein Anwalt der baskischen Autonomiebewegung; um die Begeisterung für Giorgio Caproni, einem Lyriker mit Resistenza-Vergangenheit.

Raus aus dem historischen Kontext

In einer Vitrine findet sich ein Brief des befreundeten Situationisten Guy Debord, in einer anderen ein aufgeschlagenes Exemplar der illustrierten Erstausgabe von Tommaso Landolfis Kinderbuch „Il principe infelice“ (Der unglückliche Prinz), das Agambens Fantasie wie kein anderes anregte. Über allem steht jedoch die Begegnung mit Walter Benjamin, die er, wie er im Gespräch mit Luigi Reitani, dem Direktor des Istituto Italiano di Cultura sagt, in der reinen Lektüre als lebendiger empfand denn die mit Menschen.

In einem Zitat der Ausstellung gesteht er, dass er Benjamin insbesondere die Fähigkeit verdanke, „etwas was mich interessiert, aus seinem historischen Kontext zu extrahieren und diesem zu entwinden, um es so wieder zum Leben zu erwecken und wirksam für die Gegenwart zu machen“. Das beschreibt Stärke und Schwäche seines Verfahrens zugleich. Agambens berühmteste Ausgrabung, der „Homo sacer“, ein Begriff des antiken römischen Strafrechts, der sich auf Vogelfreie bezieht, die getötet, aber nicht geopfert werden durften, weil ihnen trotz ihrer Rechtlosigkeit ein heiliger Status zukam, zeigt das schlagend.

Die neun Bände, in denen er, angefangen mit „Die souveräne Macht und das nackte Leben“, die unheimliche Verwandtschaft von totalitaristischer Tyrannei und Demokratie aufzeigt, situieren die Möglichkeit von Auschwitz und Guantánamo im Innersten des liberalen Staates: als Konsequenz eines ungeklärten Verhältnisses zu der Gewalt, auf der auch die freiheitlichste Gesellschaft beruht.

Eine Woche zu Gast in Berlin. Giorgio Agamben, 1942 in Rom geboren.

Anders als bei Carl Schmitts „Politischer Theologie“, die Agamben inspiriert hat, gibt es natürlich keine nationalsozialistischen Untertöne, doch auch nur einen vagen linken Impetus, den sich in seinem unhistorischen Zugriff eine anarchistisch gestimmte Linke dankbar zueigen gemacht hat. Agamben verhandelt Theologisches ohne Gottesglauben und Politisches ohne lebensweltliche Aktion. Von apokryphen Bibeltexten bis zu literarischen Zeugnissen spannt er dabei im Ton des Propheten alles zusammen, was ihm in den Zettelkasten fällt. Die Ergebnisse sind nicht nur anspruchsvoll, sie sind, und das ist alles andere als eine neue Entdeckung, vor allem dunkel.

Zwei beliebige Proben. Agambens Bemerkungen über „Die vortrefflichste Musik“ in „Was ist Philosophie?“ (S. Fischer 2018) beginnen mit den Worten: „Philosophie ist heute nur noch als eine Reform der Musik möglich.“ Und sein „Lob der Profanierung“ in „Profanierungen“ (Suhrkamp 2005) endet mit dem Satz: „Die Profanierung des Nicht-Profanierbaren ist die politische Aufgabe der kommenden Generationen.“ Was bedeutet das? Und wenn man es verstehen könnte: Was folgt daraus? Zugegeben, dies sind aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, aber sie ergeben auch im großen Schach der Begriffe keinen praktischen Sinn. Abstraktion und vermeintliche Konkretion gehen eine raunende Liaison ein.

Um welche politische Wirklichkeit geht es?

In seinen glücklichsten Momenten versteht sich Agamben, der als Dichter begann, auf ein poetisches Denken, das Schärfe und Unschärfe zwischen den Textgattungen vereint. In weniger glücklichen stolpert er durch einen Parcours geistesgeschichtlicher Trümmer, die er mit pseudowissenschaftlichem Gestus aufliest. Ein Vorgehen, das die Würde von Philosophie und Poesie gleichermaßen beschädigt. Der Text über die Musik schließt mit dem Verdikt: „Die amtierenden Politiker vermögen nicht zu denken, weil sowohl ihre Sprache als auch ihre Musik amusisch leerlaufen.“ Geht es hier um Italien? Würde man damit der Trump-Administration gerecht? Gilt es auch für China? Und wenn dies nicht eine Auskunft über den apokalyptischen Zustand der Welt ist: Lassen sich diese Politiker abwählen? Oder soll man sie einer musischen Reeducation unterwerfen?

Philosophisches Denken, sagt Agamben im Kulturinstitut, besteht im Durchbrechen der chronologischen Zeit. Es richtet sich nicht auf das Kontinuum des Historikers, sondern auf die Diskontinuität. Auf den Moment des Hier und Jetzt kommt es an, den Spalt, durch den jederzeit der Messias eintreten kann. Es sind dies Denkfiguren, wie sie Walter Benjamin in seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ entwickelt hat. Ob ihr befreiungstheologischer Charakter 80 Jahre nach ihrer Entstehung noch weiterhilft, weiß wohl nur der darin eingeführte Engel der Geschichte selbst.

Ausstellung und Veranstaltungen bis 18. Juni. Heute Freitag, 14.6., Benjamin-Seminar an der FU; 15./16.6. Gast des Poesiefestivals; 17.6. Gespräch mit dem Puppenspieler Bruno Leone im IIC, Hildebrandstr. 2, Tiergarten; 18.6. „Homo sacer“-Symposion an der UdK. Details unter iicberlino.esteri.it

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