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Kultur - 06.01.2019

Übergabe des Porträts von Thomas Couture noch im Martin-Gropius-Bau an die Erben

Ein Loch in der Leinwand brachte die Provenienzforscher auf der Spur. Sie konnten das Gemälde dem französischen Politiker Geroges Mandel zuordnen.

„Porträt einer jungen Frau“ von Thomas Couture (1815 bis 1879).

Einen Tag nach Ende der Gurlitt-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau übergibt Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Dienstag ein weiteres Bild an die Nachfahren jüdischer Sammler: das Porträt einer sitzenden jungen Frau von Thomas Couture (1815–1879). Es ist das sechste Werk, das als NS-Raubkunst eingeordnet werden kann, von rund 1300 Werken aus der vor bald neun Jahren in München und schließlich Salzburg aufgetauchten Sammlung von Cornelius Gurlitt. An Coutures Bild wird die Mühsal der Provenienzforschung ebenso wie die dennoch minimale Raubkunst-Quote im Gurlitt-Nachlass deutlich. Dass sich der NS-Kunsthändler ganz offensichtlich Verschleierungstaktiken bediente, hat die von Bonn nach Bern und schließlich Berlin getourte Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ anschaulich gemacht. Bei zahlreichen Werken besteht nicht zuletzt deshalb weiterhin Recherchebedarf.
Für das „Portrait de jeune femme assise“ aber ist die Herkunft geklärt. Die Restitution kann vollzogen werden. Es stammt aus dem Besitz des französischen Politikers Georges Mandel (1885– 1944), der durch die Vichy-Regierung 1942 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Nach seinem Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald und der Rücküberstellung ins Pariser Gefängnis wurde er von der französischen Miliz exekutiert. Das Sonderkommando Künsberg, eine der deutschen Raubkunst-Organisationen in Paris, hatte da im Auftrag des Auswärtigen Amtes längst die Wohnung des einstigen französischen Innenministers geräumt und seinen Kunstbesitz in die Deutsche Botschaft verbracht. Eine Notiz der legendären Kunstschützerin Rose Valland, dass sich laut Aussage von Mandels Lebensgefährtin in Brusthöhe der Porträtierten ein restauriertes Loch befände, brachte die Provenienzforscher Jahrzehnte später auf die Spur. Auch das Gurlitt-Exemplar besitzt eine solche Retusche, wie die Restauratoren unter Infrarotlicht schließlich entdeckten.
Für die Berliner Station der Gurlitt-Ausstellung wurde das Couture-Bildnis so etwas wie ein Schlüsselbild, das gleich im Entree hing. Es sollte zumindest einen sichtbaren Erfolg der aufwändigen Provenienzrecherche bekunden. Dass es nun am Tag nach Ausstellungsschluss noch im Martin-Gropius-Bau den Nachfahren Mandels öffentlichkeitswirksam übergeben wird, passt in die Dramaturgie. Die Ausstellung selbst soll noch weiterwandern, nach Israel und möglichst auch Frankreich. So lange wollten die Erben verständlicherweise auf ihren Couture offensichtlich nicht warten.

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