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Kultur - 05.01.2019

Trump, der Dieb

Ein Sammelband beschäftigt sich mit der Aufgabe von Wissenschaft in Zeiten des Wettstreits um die Bedeutungshoheit.

US-Präsident Donald Trump.

Leben wir wirklich schon in einem „postfaktischen Zeitalter“ der „bloß gefühlten Wahrheiten“, wie der Trump-Schock kulturkritische Europäer befürchten lässt? Vielleicht – noch – nicht, aber Grund genug gibt es für einen Sammelband mit Antworten aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften über den fragwürdig gewordenen Umgang mit Fakten. Mitherausgeber Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gibt in der Einführung vorsichtig Entwarnung: Selbst Donald Trump, der auf lästige Fakten mit „alternativen Fakten“ zu antworten liebt, leugne grundsätzlich nicht die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge, sondern setze sie bei seinem Spiel mit „real news“ (seinen eigenen) und „fake news“ (einer ihm feindlichen Presse) gerade voraus: Schon allein begriffslogisch könne es „ohne ein wie immer geartetes Konzept von truth ja gar kein fake geben“. Trumps Trick, eigene Darstellungen als „alternative Fakten“ auszugeben, folge nur der Methode „Haltet den Dieb“ (was ja der Dieb selbst ausruft), wenn er im Wettstreit um Deutungshoheit seine Autorität gegen die „Lügenpresse“ ausspielt.

Auch die Wissenschaft liefert keine ewigen Wahrheiten

Das wiederum ist Grund genug, die traditionell vertrauensvolle Beziehung von Wissenschaft und Demokratie zu hinterfragen. Diese Beziehung beruht – anders als der ideologische Wahrheitsbegriff des Sowjetmarxismus – auf nachweislicher, für jedermann einsichtiger Übereinstimmung von Rede und Sachverhalt. Dass es dabei nicht allein um Begriffslogik geht, macht ein Beitrag über die Grenzen mathematischer Beweisführung deutlich, ebenso wie die Einsicht, dass Wissenschaft keine ewigen Wahrheiten, sondern Fakten immer nur bis zum Beweis des Gegenteils oder gar interessengeleitet durch Auftraggeber liefert.

Das relativiert ihren Wahrheitsanspruch und die Idee einer platonischen Philosophenherrschaft, zumal Desinformationen und Fakes in sozialen Medien wissenschaftlich oder politisch autorisierte Fakten zu dominieren drohen. Die Beiträge beharren deshalb auf dem Auftrag der Wissenschaft, Faktenwissen zu kommunizieren, ohne politische Alternativlosigkeit zu beanspruchen. Wissenschaft in Demokratien muss sich an mündige Bürger richten, kann sie aber weder voraussetzen noch erzeugen. Das bleibt Aufgabe der Politik.

Günter Blamberger/Axel Freimuth/Peter Strohschneider (Hrsg.): Vom Umgang mit Fakten. Antworten aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Wilhelm Fink Verlag Paderborn 2018. 228 S, 39,90 €.

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