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Kultur - 13.06.2019

Tanz auf dem Pulverfass

Am Anfang eines Katastrophenjahrhunderts: László Nemes’ rätselhaftes Historienepos „Sunset“ zeigt das brüchige Europa der 1910er Jahre.

Auf der Suche nach ihrem Bruder kommt Iris Leiter (Juli Jakab) einer Verschwörung auf die Spur.

Dämmerung über Europa. Oder doch eher: Europa im Dämmerzustand? Anfang der 1910er-Jahre kehrt eine junge Frau an ihren Geburtsort Budapest zurück, sie taucht ein in den Strom der Moderne. Kutschen und Autos teilen sich das Straßenbild, es herrscht Aufbruchstimmung. Die Donaumonarchie Österreich- Ungarn prosperiert, sie ahnt noch nichts von ihrem bevorstehenden Untergang. Die europäische Zivilisation steht erst am Anfang eines Katastrophenjahrhunderts, doch ein diffuses Unbehagen ist in der nervösen Mobilität von László Nemes’ zweitem Spielfilm „Sunset“ zu spüren. Das Gefühl der Desorientierung greift auf die Kamera von Mátyás Erdély über, das einem aus ihrer ersten Zusammenarbeit „Son of Saul“ bereits vertraut ist. Wieder geht es um einen historischen Bruch, diesmal zwar nicht um den Holocaust – aber dass „Sunset“ in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs endet, ahnt man nach diesen ersten Szenen.

Iris Leiter, gespielt von Juli Jakab, aus deren Mimik zwischen apathischer Schicksalsfügung und todesmutiger Beharrlichkeit man nie ganz schlau wird, ist nach Budapest zurückgekehrt, um eine Anstellung im traditionsreichen Hutgeschäft ihrer Eltern zu finden. Die sind bei einem Brand ums Leben gekommen, als Iris gerade zwei Jahre alt war. Sie lernte das Handwerk bei einer Hutmacherfamilie in Italien. Der neue Besitzer des florierenden Geschäfts (Vlad Ivanov, der auf osteuropäische Schurken abonniert zu sein scheint) reagiert auf die Ankunft der jungen Frau zunächst mit Ablehnung, erkennt aber schnell ihren Wert für das Traditionshaus, das auch die Monarchisten ausstattet. Der Name Leiter hat bis in höchste gesellschaftliche Kreise einen guten Klang. So weckt Irina, obwohl sie nur als einfache Hilfskraft angestellt wird, das Interesse der feinen Männer mit ihren Zwickeln (und ihrem schneidigen deutschen Sprachduktus), die im Umfeld des Modegeschäfts herumscharwenzeln.

Nemes’ Budapest ist ein hochkultivierter Moloch, in dem sich das babylonische Kauderwelsch des Habsburger Imperiums mit der Geräuschkulisse des aufblühenden Industriezeitalters verbindet. Wie schon in „Son of Saul“ zieht der ungarische Regisseur, der sich mit seinem so spektakulären wie spekulativen Debüt über einen KZ-Häftling auf der Suche nach seinem Sohn mit einem Schlag im Weltkino einen Namen gemacht hat, eine Spannung aus dem ausgeklügelten Sounddesign des dekadenten Fin-de-Siècle-Ambientes. Geräusche und Stimmen bieten seiner Protagonistin (und dem Publikum) die einzige Orientierung, ihre subjektive Perspektive verengt nicht nur den Blick auf das politische Komplott, das im Hintergrund abläuft, sondern auch auf die Weltpolitik. Die bevorstehende Katastrophe raunt düster in den Bildern, vorerst aber sind die sozialen Unruhen der einzige Hinweis, dass Europa bald aus den Angeln gehoben wird.

In Budapest erfährt Iris, dass sie einen Bruder hat, der in den Untergrund abgetaucht ist und dort den Umsturz der Monarchie plant. Der Terrorist Kalman Leiter ist ein Phantom, niemand will über ihn sprechen, keiner hat ihn gesehen. Iris’ Bruder wird für den Mord an einem Grafen gesucht, aber auch diese Information führt wieder nur auf eine falsche Fährte. „Sunset“ ist ein kompliziertes filmisches Labyrinth, durch das Nemes seine Protagonistin mit einem gewissen Hang zur Perfidie treibt. Spuren enden immer wieder in Sackgassen, in denen die Kamera dann genauso unvermittelt zum Halt kommt wie die junge Frau. Andere Fährten, die sich zunächst als Finten herausstellen, führen auf Nebenwegen zu neuen Mysterien. Iris ist gleichzeitig Subjekt und Spielball höherer Kräfte, mit Nemes als sadistischem Strippenzieher.

Die ästhetische Engführung dieses Gesellschaftspanoramas besitzt durchaus ihren Reiz. Nemes’ atemlose Inszenierung ist zweifellos virtuos, gleichzeitig steht dahinter aber auch ein erzählerischer Aufwand, der kaum einen Mehrwert an Erkenntnis produziert. Was in „Son of Saul“ noch eine bestechende Logik besaß – das Ausblenden der grausamen KZ-Realität durch die konsequent verengte Perspektive des Protagonisten – wirkt in „Sunset“ plötzlich wie angeberisches Muskelspiel. Nemes ist ein anderes Kaliber als sein Lehrmeister Bela Tarr, ein Advokat der Langsamkeit. Aber schon mit seinem zweiten Film droht er sich als Filmemacher zu outen, der über ein überschaubares Repertoire verfügt. Dass er seinen Stil sowohl für ein KZ-Drama als auch für einen Fin-de-Siècle-Mysterythriller adaptieren kann, ist intellektuell äußerst fragwürdig. So lässt „Sunset“ zumindest befürchten, dass sich Nemes’ spektakuläres Kino bereits in der Form erschöpft hat.

In 8 Berliner Kinos (deutsch und OmU)

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