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Kultur - 14.06.2019

Katz und Maus spielen

Drei Uraufführungen an einem Abend: Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle starten ihre finale Arbeitsphase.

Krystian Zimerman (links) und Sir Simon Rattle

Solche Programme erlebt man nur mit Sir Simon. Kein anderer würde es wagen, an ein und demselben Abend drei Uraufführungen zu präsentieren, dazu Musik aus der Zeichentrickserie „Tom & Jerry“, Hollywood-Edelkitsch von Erich Wolfgang Korngold sowie eine düster-depressive Sinfonie, die sein Dirigentenkollege Leonard Bernstein 1949 komponiert hat. Ihr Titel „Das Zeitalter der Angst“ klingt plötzlich wieder erschreckend aktuell.

Rattle aber macht das, wagt das, setzt Extreme gegeneinander, mit leichter Hand, bei diesem „evening of tears and laughter“. Dafür muss man ihn einfach lieben. Sein stilistischer Horizont ist so weit wie sein Herz, in den 16 Jahren seiner nun zu Ende gehenden Ära bei den Berliner Philharmonikern hat er gezeigt, wie sich das religiös gemeinte Diktum Friedrichs des Großen, in Preußen könne jeder nach seiner Façon selig werden, ins Musikalische übertragen lässt. So bunt, so vielfältig wird es am Kulturforum künftig nicht mehr zugehen, das steht jetzt schon fest, auch wenn Rattles Nachfolger Kirill Petrenko sich über seine Pläne noch ausschweigt.

Mit der wildesten denkbaren Mischung starten der Sir und seine philharmonischen Mitstreiter in ihre finale Arbeitsphase, die in der kommenden Woche mit Mahlers sechster Sinfonie fortgesetzt wird und am 23. und 24. Juni dann in der Waldbühne ihren Abschluss findet.

„Tapas“ sollen Lust auf mehr Neue Musik machen

Atmosphärisch ist „The Age of Anxiety“ denkbar weit entfernt von der „West Side Story“ – obwohl das Langgedicht von W. H. Auden, an dem sich Bernstein orientiert, ebenfalls in Manhattan spielt. Vier Menschen sitzen in seiner Bar und philosophieren übers Leben, während sie sich volllaufen lassen. Orchestral läuft das ziemlich geschwätzig ab, außerdem bewusst eklektisch. Man hört Anklänge an Bartok, Strawinsky, Schönberg – und in Rattles Interpretation durchaus auch an Ravel. Mit altmeisterlicher Noblesse gestaltet Krystian Zimerman den ausgedehnten Klavierpart, den sich Bernstein einst für die eigenen Finger geschrieben hat, wägt und wiegt jede einzelne Note, um auch den schlichtesten Passagen noch ein angemessenes Gewicht geben zu können.

Die jazzige Episode kurz vorm Schluss fällt – verglichen mit dem Drive der Bernstein-Musicals – recht flau aus, obwohl sie hier aufwendig inszeniert wird, wenn Kontrabassist Matthew McDonald an die Rampe rückt, wo für Wieland Welzel auch ein zweites Pauken-Set aufgebaut ist. Letztlich aber ist es nur ein Showeffekt, so wie der Klimperkasten, der als verstimmtes Alter Ego des Solisten von der Orgelempore tönt.

Als „Tapas“ bezeichnet Rattle die kurzen Werke, die das Orchester regelmäßig in Auftrag gibt, als Appetithappen, die Lust machen sollen auf mehr Neue Musik. Die drei Uraufführungen vom Donnerstag arrangiert er gleich auf einem Teller, lässt sie pausenlos hintereinander spielen. Nach Spätromantik, abgeschmeckt mit einem Schuss Impressionismus, klingt Magnus Lindbergs „Agile“, weil er mit breitem sinfonischen Pinsel malt, als ginge es um ein Vorspiel zu einem Maeterlinck-Drama. Andrew Normans „Spiral“ führt dagegen raus dem Elfenbeinturm in die Natur, entfaltet zunächst das Klangpanorama eines nächtlichen Waldes, um dann, wie bei einer Überblendung im Film, zur Kakofonie des modernen Großstadtlärms anzuschwellen.

Akustisches Protokoll einer unruhigen Nacht

Brett Deans „Notturno inquieto“ muss natürlich mit einem Bratschen-Solo beginnen, war der Australier von 1985 bis 1999 doch selber Solo-Bratscher der Philharmoniker. Neun Minuten lang entfaltet er anschließen das akustische Protokoll einer unruhigen Nacht, vom faszinierend in Musik gesetzten Kribbeln am ganzen Körper über den dumpfen Albdruck mit hämisch lachenden Trompeten bis hin zur geträumten Verfolgungsjagd.

Das letzte Konzertdrittel wäre zu Karajans und auch zu Abbados Zeiten undenkbar gewesen. Um Scott Bradleys hibbeligen „Tom & Jerry“-Soundtrack mit seinen rasanten Stimmungswechseln hinzubekommen, braucht ein Orchester nicht allein technische Brillanz, sondern eben auch Lässigkeit. Und eine kognitive Kompetenz auf allen Stilebenen bis hin zum Bigband-Swing. Was die Philharmoniker hier zeigen, hat absolut den Wow-Faktor, und lässt die Stimmungskurve im Saal sofort nach oben schnellen.

Als sinfonische Sahnehaube folgt Korngolds 1939 oscarprämierte Musik zu „Robin Hood“. So hat es Rattle 2015 schon einmal beim Waldbühnenkonzert ausprobiert, so funktioniert es jetzt wieder aufs Prächtigste, mit Marsch, love scene und schmetternder Apotheose in überwältigendem Cinemascope.

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