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Kultur - 21.11.2018

Eine Ausstellung wie ein Forscherkrimi

„Die Biografien der Bilder“: Das Museum Berggruen dokumentiert die dramatische Herkunftsgeschichte seiner Kunstschätze in einer Schau.

Die Rückseite von Paul Klees „Lebkuchen-Bild“ von 1925 enthält zahlreiche Hinweise auf die Provenienz.

Wer jetzt das Museum Berggruen besucht, wird die Bilder der Sammlung mit anderen Augen sehen. Fortan erzählen sie nicht mehr allein von den Größen der Kunstgeschichte, den Errungenschaften eines Picasso, Klee, Matisse, Braque und Henri Laurens. Sie berichten auch nicht mehr allein von der besonderen Verbindung zwischen Heinz Berggruen und seiner Heimatstadt Berlin, die er 1937 verlassen musste. Nach dem Mauerfall hatte der Kunsthändler seine Sammlung den Staatlichen Museen als Zeichen der Annäherung zunächst leihweise überlassen, 2000 wurde sie für einen vergleichsweise geringen Preis erworben – um die von den Nationalsozialisten geschlagene Lücke in den eigenen Beständen zu schließen, vor allem um die Versöhnung zu besiegeln.

Gewiss, das wichtigste Narrativ des Berggruen-Museums bleibt die Kunsthistorie, bleibt die glückliche Heimkehr eines vertriebenen Sohnes der Stadt. Doch darüber hinaus erzählen die Werke fortan noch eine andere Geschichte – ihre eigene. Die Ausstellung „Die Biografien der Bilder“ über die Provenienzen von 135 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen schlägt ein neues Kapitel für die Sammlung Berggruen auf. Nachdem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bereits die „Galerie des 20. Jahrhunderts“ auf NS-Raubkunst untersuchen ließ, ist dies das zweite vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekt, bei dem die Werke systematisch umgedreht wurden.

Die Rückseiten sprechen Bände

Und das ist wörtlich zu verstehen. Die Werke hängen in Metallstellagen. Plötzlich bekommt der Besucher die Rückseiten zu sehen, denn sie sprechen Bände. Sammlungsnummern, die Etiketten von Galeristen, Hinweise auf Ausstellungstourneen sind dort zu entdecken. Sie erzählen von den verschlungenen Wegen, die ein Werk genommen hat, bevor es bei seinem letzten Besitzer gelandet ist. Berggruen hatte seine Autobiografie „Hauptweg und Nebenwege“ genannt. Ein hastig, mit schwarzem Stift auf den Keilrahmen geschriebenes „PR“ samt Nummer verrät, dass dieses Bild im besetzen Paris dem jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg geraubt wurde, der Stempel „GR2C“ zeigt an, dass es zum Verkauf vorgesehen war. Damit bekommt das Werk eine ganz andere, tragische Dimension, die vorher keine größere Bedeutung besaß.

Bei Picassos „Sitzendem Akt, sich den Fuß trocknend“ (1921) spielte Rosenberg selbst sie herunter. Beim Verkauf ließ er unerwähnt, dass ihm das Werk nach dem Krieg zurückgegeben wurde. Möglich, dass er sich an die bedrückende Geschichte nicht erinnern wollte. Erst jetzt wird sie bekannt. Das gilt auch für Picassos berühmtes Dora Maar-Porträt mit dem gelben Pullover, das seit Jahren als Plakatmotiv für das Museum dient. Plötzlich fiel es den beiden Provenienzforschern Sven Haase und Doris Kachel wie Schuppen von den Augen: Auf der berühmten Aufnahme vom „Saal der Märtyrer“ im Jeu de Paume aus dem Jahr 1941, wohin die Nationalsozialisten zunächst in Paris ihre Beutezüge brachten, ist nicht nur Picassos „Sitzender Akt“ zu sehen, sondern auch sein „Stillleben mit Obstschale und Gitarre“, das dem Kunsthändler Alphonse Kann geraubt und ebenfalls später von Berggruen erworben wurde.

Paul Klees Lebkuchen-Bild von vorne. Heinz Berggruen erwarb es nach Verkauf erneut.

Sämtliche in Frankreich konfiszierte Picasso-Werke in einer Installation

In der Ausstellung befinden sich die drei Hauptstücke der Sammlung vis-à-vis einer Installation von Raphaël Denis. Sie schlägt den Bogen zur Gegenwart und ihrer vermeintlichen Unwissenheit. Der Pariser Künstler baute maßstabsgetreu sämtliche 87, in Frankreich konfiszierte Picasso-Werke nach und platzierte sie über- und untereinander gegenüber den drei Berggruen-Originalen an die Wand. Zu sehen sind allerdings nur geschwärzte Flächen, in die der Künstler die Inventarnummern der Nationalsozialisten ritzte.

Dass diese bewegenden Rechercheergebnisse eine Woche vor der internationalen Tagung zu „20 Jahren Washington Konferenz“ im Haus der Kulturen eröffnet wird, kommt nicht von ungefähr. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will ihre Vorbildlichkeit in Sachen Provenienzforschung demonstrieren. Vor 20 Jahren hatte Deutschland in Washington zusammen mit 43 weiteren Staaten eine Selbstverpflichtung unterschrieben, Raubkunst auszusortieren und an die Nachfahren zu restituieren. Wie ernst die Stiftung diese Aufgabe nimmt, zeigt sich auch an den vier afrikanischen Skulpturen der Berggruen-Sammlung, die eigentlich nicht Gegenstand des Auftrags waren. Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann ließ sie trotzdem untersuchen und sich von Forschern der FU eine Empfehlung geben, wie sie zu präsentieren seien, um ihrer eigenen kulturellen, auch rituellen Bedeutung gerecht zu werden. Bislang dienten sie als ergänzender Beleg für die Inspirationsquellen der Avantgarde-Künstler. Das Humboldt Forum und die mit ihm gestiegenen Erwartungen an einen angemessenen Umgang mit Kunst aus kolonialem Kontext lässt grüßen.

Vermutlich wurde keines der Werke NS-bedingt entzogen

Für das Museum Berggruen gibt es jetzt schon grünes Licht. Bei keinem der untersuchten Werke ließ sich der Verdacht erhärten, dass es NS-bedingt entzogen sein könnte. Die Erleichterung ist allenthalben zu spüren. Welche nicht zuletzt emotionale Kompliziertheit hätte sich daraus ergeben, wenn aus dem ehemaligen Besitz des jüdischen Kunsthändlers Berggruen eine Restituierung erforderlich gewesen wäre? Gerüchte über obskure Quellen hatte es gegeben, wie Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste berichtete. Die Berggruen-Biographie von Vivien Stein aus dem Jahr 2011 hatte entsprechende Spuren ausgelegt. Doch Berggruen tickte anders, auch das hat die neueste Recherche ergeben. Er wusste sehr genau um die Herkunft seiner Werke, die Karteikarten seiner Galerie belegen das. Die Erwerbung aus einem bekannten Nachlass, von einem namhaften Händler steigerte vielmehr den Wert eines Bildes. Der Kauf bei einem Kahnweiler bedeutete eine Nobilitierung, Berggruen hat den großen Kollegen immer als sein Vorbild genannt.

Ein Forscherkrimi als Ausstellung

So ist die Ausstellung nicht nur ein Forscherkrimi, die Darstellung wechselvoller Geschichten rund um Einzelwerke wie Paul Klees Lebkuchen-Bild, das Berggruen gleich zwei Mal erwarb, sondern auch das Panorama einer bewegten Phase des Kunsthandels in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Alfred Flechtheim, Paul Rosenberg, Karl Buchholz – sie kommen alle vor.

Kahnweiler ist ein eigenes Kapitel gewidmet, denn ihm hat die Geschichte besonders übel mitgespielt. Zunächst Picassos Händler in Paris wurde ihm als Ausländer mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges sein Besitz konfisziert. 1920 begann er von vorne und erlitt durch die Nationalsozialisten den nächsten Schlag. Nach 1945 startete er wieder. Berggruens Bilder erzählen auch von seinem Überleben.

Museum Berggruen Schlossstr. 1, bis 19. 5.; Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa / So ab 11 Uhr. Katalog 29 €.

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