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Kultur - 18.01.2019

Egon Erwin Kisch – ein früher Relotius?

Auf dem Markt der Sensationen, damals schon: Der 1948 verstorbene Star-Journalist Egon Erwin Kisch hatte ein problematisches Verhältnis zu Fakten.

Die Reporterlegende. Egon Erwin Kisch (1885-1948).

Nach Egon Erwin Kisch war fast dreißig Jahre lang einer der begehrtesten Preise für Reporter benannt. 2005 wurde er Teil des Henri-Nannen-Preises. Die Ehre wurde Kisch natürlich nicht zuteil, weil er Kommunist war, sondern, weil er zuallererst Reporter, mithin Sachwalter der Wahrheit war. Er selbst hat das 1928 seiner Leserschaft vor Augen gestellt, indem er eine Jugendverfehlung beichtete – wie er nämlich seine Karriere mit einer erfundenen Reportage begonnen habe.

Er sei seinerzeit in Prag zu einem Mühlenbrand geschickt worden, ihm sei aber nichts Berichtenswertes dabei aufgefallen. In der Not habe er deshalb selbstlos löschende Obdachlose hinzuerfunden. Für diese sensationelle Rührgeschichte habe er höchstes Lob eingeheimst, während die getreulich berichtenden Kollegen gescholten worden seien. Da habe er aus Scham beschlossen, zukünftig strikt bei den Tatsachen zu bleiben. „Es war“, so Kisch, „ein sportlicher Entschluss.“

Er wies sich als Kenner der Randständigen aus

Indes hat er wohl nicht geahnt, dass sein Werk später einmal zum Gegenstand für Philologen – den neben Reportern und Detektiven hartnäckigsten Rechercheuren – werden würde. So hat der Prager Literaturwissenschaftler Josef Polácek 1968 nachgewiesen, dass Kisch damals tatsächlich einen brav-biederen Bericht, ganz ohne Obdachlose, geliefert hatte. Die erfundene Reportage des unbekannten Kisch war also tatsächlich eine Erfindung des berühmten Reporters. Sie diente der Erzeugung besonderer Glaubwürdigkeit. So, wie Kischs Tätowierungen ihn fürs Publikum als Kenner des Milieus der Ausgegrenzten und Randständigen auswiesen, wie wiederum die Ablichtung mit Auto und Telefon ihn als modernen Medienfex suggerierten, eben als „rasenden Reporter“, wie er sich selbst erfolgreich tituliert hatte.

Man hat auch unter Kollegen, abgesehen von Kurt Tucholsky, der einmal leise Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit anmeldete, Kisch vertraut. Das kam vor allem daher, dass er mit seinen Reportagen für das vermeintlich Richtige einstand, sich unermüdlich für sozial Benachteiligte einsetzte, Arbeiter am Hochofen aufsuchte oder verdeckt im Obdachlosenasyl ermittelte, gegen Militarismus und Kapitalismus war, für das sowjetische Russland und gegen den Hype um Amerika.

Spiel mit der Suggestion

Vor allem waren seine Reportagen unschlagbar unterhaltsam. Ihre stilistischen Mittel kamen vom Feuilleton her, virtuose Sprachspielereien, witzige Aufhänger, unerwartete Pointen. Zugleich beherrschte er perfekt das Spiel mit der Suggestion von Glaubwürdigkeit. Selbstironisierung einerseits, vermeintliche Faktenpräzision andererseits. So hat er Walter Benjamin geraten, möglichst viele Namen und Daten unterzubringen, um wirklichkeitsgetreu zu wirken. Er selbst ging freilich äußerst schöpferisch mit der Faktenwahrheit seiner Reportagen um, in deren Mittelpunkt er meist geschickt sich selber stellte. Sie dienten dazu, ihn selbst als Marke zu etablieren und damit zugleich seinem kommunistischen Engagement Material zu liefern. Ein begnadeter Entertainer im Namen der Weltrevolution, weniger Faktograf als Fiktio-Fürst. Seine Berichte aus dem Ruhrgebiet, ohnehin die aus Russland wie später die über seine Landung in Australien, ebenso wie seine angebliche zentrale Rolle bei der Aufdeckung des Skandals um den österreichischen Generalstabschef Redl – sie bestehen zu großen Teilen aus Erfindungen und Übertreibungen.

Der Fall des fantasierenden „Spiegel“Reporters Claas Relotius hat die Branche aufgeschreckt. Egon Erwin Kisch also auch? Nun muss man auf diese Frühzeit der Reportage nicht unbedingt die strikten Kriterien anwenden, wie sie nach 1945 zum Komment der Pressereportage wurden. Eher sollte man sie in jener Linie der literarischen Reportage sehen, wie sie der New Journalism in den USA praktizierte und wie sie bis heute die literarischen Ambitionen von Reportern bestimmt.

Genau lügen, heißt glaubhaft sprechen

Seinerzeit waren Fakten und Daten eher ein Faszinosum der Neuen Sachlichkeit denn unabdingbares Fundament des Journalismus, zumal in den parteiischen Propagandaschlachten. Kisch arbeitete hier, wie auch andere, mit einem Mittel, das seit dem 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewonnen hatte, zunächst literarisch, dann wissenschaftlich und schließlich ganz besonders im Journalismus: Er setzte auf die Indiziomatik des symptomatischen Details. Sie fungierte nicht nur als Mittel der Erkenntnisgewinnung, sondern zugleich auch als eins der Wahrhaftigkeitsbeglaubigung, war und ist bis heute selbst Indiz der Präzision wie Authentizität gleichermaßen.

Erik Reger, erster Chefredakteur des Tagesspiegels, hatte dieses Verfahren 1931 bei den Nazis beobachtet. Er nannte es die „Genauigkeit der Lüge“ und „Akkuratesse des Schwindels“: „Die Welt hat im Zeitalter der Technik eine Abneigung gegen Abrundungen, gegen das Ungefähre. Wer sagt, der Minister K. habe in einem Nachtlokal geschlemmt, setzt sich der Gefahr aus, angezweifelt zu werden. Aber wer sagt, die Schlemmerrechnung habe für französischen Sekt, Kaviar und Austern 997,60 Mark betragen, hat sein Ziel erreicht. Das Wort ‚Rechnung’, die detaillierten Artikel erwecken Vertrauen. Das ist Präzision. Das ist Wohlinformiertheit. Das ist glaubwürdig. Genau lügen, heißt glaubhaft sprechen.“

Kisch war ein besonders eklatanter Fall

Kisch hat man das gern nachgesehen, weil es der vermeintlich guten, gerechten, besseren Sache diente. Aber so sehr man im Blick auf die derart zugerichteten Reportagen sagen mag, das habe ja tatsächlich einem guten Zweck gedient und zumindest niemandem geschadet, so unverzeihlich ist solche Faktenlüge, wenn sie ans Leben einer Person geht. Kisch hat im Exil, als man den „Abweichler“ Gustav Regler als Informanten der deutschen Besatzer in Frankreich denunzierte, den Namen eines erfundenen Nazi-Agenten, „Werner Popp“, ebenso beigesteuert wie dessen Barackennummer und Einlieferungsdatum fingiert.

Kisch war gewiss ein besonders eklatanter Fall, aber auch andere bearbeiteten das Vorgefundene nach ihren jeweiligen Maßstäben. So haben Zeitgenossen Heinrich Hauser, dem damaligen Star-Reporter der „Frankfurter Zeitung“, Fehlinformationen und -deutungen in seinen Ruhrgebietsberichten vorgeworfen, Alexander Stenbock-Fermor hat in seinen Elendsreportagen aus dem „abgehängten“ Deutschland offenbar hin und wieder auch nachgeholfen, und über Joseph Roth hat sein Freund Ludwig Marcuse damals gesagt: Er dichte manchmal „nur ein Quäntchen dazu, ein anderesmal stellt er alles auf den Kopf“.

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