Home Kultur Bei diesem Gestein stimmt was nicht
Kultur - 10.01.2019

Bei diesem Gestein stimmt was nicht

Rätselhafte Steinwände und Felsbrocken auf Spiralfedern: In der Galerie Klemm’s testen Ulrich Geberts Fotografien die Wachsamkeit des Betrachters.

Alles fake. „Gestalt #48“ von Ulrich Gebert

Wie das so ist mit Referenzen – Bezugnahmen: Da geht man an einem Designmöbelgeschäft in Mitte vorbei. Auffälligstes Ausstellungsstück im Fenster ist ein dekonstruktivistisches Regal, bei dem sich allein die Regalböden anständig waagerecht anordnen. Alle übrigen Latten sind schief und sehen aus wie willkürlich zusammengenagelt. Ein scheinbares Wunder der Statik. Ein paar Tage später steht man dann in Kreuzberg in der Galerie Klemm’s. Steht da vor einer ähnlich kruden Konstruktion aus Holzlatten – nur ohne Regalböden. Klemm’s hat früher in Mitte, in der Brunnenstraße, nur wenige Meter von dem Möbelgeschäft mit dem Regal entfernt residiert …

Zufall, klar, aber das menschliche Gehirn funktioniert nun einmal assoziativ. Und ein Großteil der zeitgenössischen Kunst setzt darauf, dass jeder Betrachter einen anderen Erfahrungshorizont hat und anders assoziiert, anders auch als der Künstler. Vermutlich, wahrscheinlich hat Ulrich Gebert, der in Leipzig und London wohnt, das Regal nie gesehen. Für ihn beziehen sich die Latten auf seine Fototafeln (je 3000 Euro) an der Wand dahinter. Die Fotos wiederum beziehen sich – bezieht Gebert auf Albert Renger-Patzsch, einen der wichtigsten Vertreter der Sachfotografie.

Man muss schon genauer hingucken

Fotografische Experimente lehnte Renger-Patzsch programmatisch ab. In der Nachkriegszeit verlegt er sich von der Industrie- auf die Naturfotografie. 1966 erschien sein Buch „Gestein“, das die Vielgestaltigkeit und Schönheit der Oberflächen, Formen, Strukturen, Typologien von, genau: Gestein in erhabenem Schwarz-Weiß auf 62 Bildtafeln feiert. Geberts Referenz darauf besteht ein halbes Jahrhundert später aus 62 schwarz-weißen Bildtafeln. Die ungerahmten Fotografien wurden so auf Aluminiumplatten gezogen, dass sie sie an den Kanten umschließen und nichts als die minimal erhabenen Fotos in ihrer demonstrativen Tafelhaftigkeit sichtbar ist. Im Aufnahmestil Renger-Patzschs zeigen sie: Gestein.

Ob das ein fotografisches Reenactment sein soll? Man muss schon genauer hingucken. Früher oder später wird einem auf jedem der Fotos etwas komisch vorkommen. Da fällt der Bereich einer Felswand auf, der sich rechteckig, etwa in Form und Größe eines Fensters, von der übrigen Wand absetzt. Solchen oder ähnlichen unerwarteten Ausschnitten im Gestein begegnet man häufiger. Auf einem Bild verläuft – trotz der vielgestaltigen Topografie des abgebildeten Geländes – eine Art senkrechter Riss. Woanders endet eine Natursteinmauer schnurgerade. Besonders rätselhaft erscheint eine Steinwand, deren wiederum etwa fenstergroße Mitte sich in Farbe und Gestalt deutlich vom Rest der Wand abhebt. Spätestens beim Anblick von „Gestalt #32“ geht einem ein Licht auf: Da ruht ein Felsbrocken auf drei dicken Spiralfedern. Das Bild wurde offensichtlich auf einem Kinderspielplatz aufgenommen. Der Felsbrocken ist gar kein Felsbrocken – sondern ein Fake, wahrscheinlich aus Kunststoff.

Alles in der Schau gezeigte Gestein ist ein Fake. Gesteins-Fake. Fake-Gestein. Der senkrechte Riss: da stoßen zwei plane Flächen aneinander – vermutlich, möglicherweise Bühnenmalerei, Gemaltes jedenfalls. Genau lässt sich das nicht sagen, Gebert gibt keine Hinweise. Die Natursteinmauer: muss plakatiert sein. Die besonders rätselhafte Steinwand: ein Terrarium oder Aquarium, in der in die Felswand eingelassenen Glasscheibe spiegelt sich Gegenüberliegendes.

Weder Hommage noch Kritik an Renger-Patzsch

Ulrich Gebert, Jahrgang 1976 und Meisterschüler von Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, will seine Arbeiten weder als Hommage noch als Kritik an Renger-Patzsch verstanden wissen. Sondern als: Referenz. Mehr ist nicht zu erfahren. Hat es etwas damit zu tun, dass derzeit so vieles ein Fake ist? Oder ist das wieder nur die eigene Referenzmaschine? Mit Aspekten der Wahrnehmung, der man nicht trauen kann, befasst Gebert sich schon länger. Die Zoos und Vergnügungsparks mit ihren Kunstfelsen, die der Künstler zwischen 2010 und 2018 besucht hat, kommen in der digitalen Gegenwart ziemlich anachronistisch daher.

Immerhin das erschließt sich jetzt: Das Nicht-Regal, die Konstruktion ist ein Gerüst, wie es beim Bau künstlicher Felsen verwendet wird. Pappmaché oder anderes Material wird darauf aufgetragen. Aber halt, auch das Gerüst ist ein Fake: Gebert hat in mühevoller, tagelanger Handarbeit Holzlaminat, fotografiertes Holz also, auf Plastiklatten aufgezogen.

Man kann sich vorstellen, was Ausstellungsbesucher mit Laminatfußboden assoziieren werden.

Klemm’s, Prinzessinnenstr. 29; bis 12. 1., Di–Sa 11–18 Uhr

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Check Also

Wie hält May den Brexit-Irrsinn aus?

Sie hat mehr Prügel einstecken müssen als jeder britische Regierungschef vor ihr: Wieder u…