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Gesundheit - 04.01.2019

Vitamin D: Das „Sonnenvitamin“ ist mehr als nur ein Knochenhärter

Lange galt Vitamin D als der Stoff, der Oma vor dem Beinbruch und Kinder vor Rachitis schützt. Neue Daten zeigen: Es kann auch Krebs und Herzinfarkten vorbeugen.

Sonne, Fisch und Brausetabletten: Im Sommer kann der Körper seine Vitamin-D-Bestände auch beim Nichtstun auffüllen

Quadratschädel, O-Beine, eingefallener Brustkorb. Wer als Kind eine Rachitis überlebt, bleibt sein Leben lang gezeichnet. Häufigste Ursache dieser Wachstumsstörung der Knochen ist ein massiver Mangel an Vitamin D, der in dieser Form jedoch in Deutschland kaum noch vorkommt.

Seit Langem ist bekannt, dass das Vitamin die Calciumaufnahme aus der Nahrung und den Einbau des Minerals in die Knochen fördert. Den größten Teil des wichtigen Nährstoffes bildet der Körper praktischerweise selbst in der Haut. Dafür ist allerdings kurzwellige UV-B-Strahlung aus dem Sonnenlicht nötig. Babys und Kleinkindern, die nicht der direkten Sonne ausgesetzt sein sollen, werden daher prophylaktisch kleine, weiße Tabletten in den Mund geschoben. Und auch alte Leute schlucken Vitamin D, da es Osteoporose vorbeugen kann.

Doch anscheinend bewirkt das Vitamin noch viel mehr. Wissenschaftler glauben inzwischen, dass es im Körper als eine Art chemischer Zentralschalter dient. Vitamin D ist verwandt mit hochwirksamen Hormonen wie Testosteron oder Östrogen. In mehr als 30 Geweben wurden Rezeptoren gefunden, an die das Vitamin andockt, um chemische Botschaften zu übertragen.

Körpereigene Antibiotika

Mehr als 1000 Gene sind bekannt, die von Vitamin D aktiviert werden, um dann ihrerseits wieder unzählige Proteine herzustellen. So kann Vitamin D zum Beispiel Abwehrzellen des Immunsystems so beeinflussen, dass sie verstärkt körpereigene Antibiotika gegen Bakterien produzieren. Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass eine Unterversorgung mit dem Vitamin das Risiko für schwere Krankheiten steigern kann. Erst vor wenigen Wochen wurden zwei Studien aus Österreich und den USA veröffentlicht, denen zufolge ein niedriger Blutspiegel an Vitamin D das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.

Ernährungstest

Andere Untersuchungen belegen einen Zusammenhang zwischen zu wenig Vitamin D im Blut und Tumoren in Brust, Prostata oder Darm. Jörg Reichrath, Leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie am Uniklinikum des Saarlandes, erforscht mit seinen Kollegen die Antikrebswirkung des Stoffs an Zellkulturen und im Tierversuch: „Der Effekt beruht höchstwahrscheinlich darauf, dass Vitamin D die un- kontrollierte Zellteilung hemmt und dadurch der Entstehung von Krebszellen entgegenwirkt.“ Einen weiteren Mechanismus halten Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungs-zentrum in Heidelberg für plausibel: Möglicherweise sei das Vitamin ein wirksamer Gegenspieler des Hormons Östrogen, das bei vielen Brustkrebs-patientinnen das Tumorwachstum verstärkt.

Aber wie viel Vitamin D braucht der Mensch, um sich vor Tumoren oder Herzinfarkten zu schützen? Diese Frage kann die Wissenschaft noch nicht exakt beantworten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht daher zurzeit noch keinen Grund, ihre aktuelle Empfehlung von fünf bis zehn Millionstel Gramm am Tag für Erwachsene – das entspricht etwa 30 bis 60 Gramm Lachs – zu erhöhen. „Die vorliegenden Studienergebnisse sind nicht eindeutig genug, um klar sagen zu können, wie viel man essen soll, um sich wirksam zum Beispiel vor Krebs zu schützen“, sagt die Sprecherin der DGE, Antje Gahl.

Im Winter Vitamin-D-Präparate

Allerdings: Selbst die DGE-Empfehlungen, die noch in erster Linie für die Vorbeugung von Knochenkrankheiten errechnet wurden, werden seit Jahren von einem großen Teil der Bevölkerung nicht erreicht. Zum einen gibt es nicht allzu viele Lebensmittel, die nennenswerte Mengen an Vitamin D enthalten – fettreiche Fische wie Hering, Lachs oder Makrele gehören dazu, geringere Mengen stecken in Milch oder Eigelb. Zudem sind im Winter die UV-B-Werte so gering, dass die Haut nur wenig oder gar kein Vitamin D bilden kann.

Also ab in die pralle Sonne oder auf die Sonnenbank? Einen Freibrief für sommerliche UV-Exzesse wird es auch künftig nicht geben, sagt Dermatologe Jörg Reichrath: „Ausgedehnte Sonnenbäder steigern das Hautkrebsrisiko und erhöhen nur kurzfristig den Vitamin-D-Spiegel im Blut.“ Besser sei es, sich von Frühjahr bis Herbst regelmäßig für kurze Zeit in der Sonne aufzuhalten, etwa bei einem kurzen Spaziergang in der Mittagspause.

Auch Rüdiger Greinert, Biophysiker und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP), rät: „Wenn Sie Hauttyp II sind, also helle Haut haben, setzen Sie im Sommer Gesicht und Hände regelmäßig 15 Minuten der Sonne aus. Wohlgemerkt ohne Sonnencreme.“ Gerötete Haut sollte man aber nie riskieren, und kleine Kinder gehörten nach wie vor nicht ungeschützt in die Sonne.

Im Winter oder wenn man praktisch nur im Büro sitzt, solle man eher zu einem Vitamin-D-Präparat greifen, „als sich im Solarium einer Bestrahlungsstärke intensiver als mittags am Äquator auszusetzen“. Wer unsicher ist, ob er ein solches Mittel braucht oder an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Bluthochdruck leidet, sollte zunächst mit seinem Arzt sprechen. Bisher befürchteten Experten, dass ein übermäßiger Verzehr der auch frei verkäuflichen Tabletten zu Organverkalkung führen könne. Doch Ernährungswissenschaftler Armin Zittermann vom Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen gibt Entwarnung und verweist auf neuere Studien aus Kanada. Danach ist eine Überdosierung von Vitamin D eher unwahrscheinlich: „Dafür müsste man jeden Tag zehn Tabletten in vergleichsweise hoher Dosierung schlucken.“

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