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Wirtschaft - 09.06.2019

Wenn Seltene Erden zur „Waffe“ werden

Der von US-Präsident angezettelte Handelskonflikt zwischen China und den USA zieht immer größere Kreise. Jetzt könnte er auf die sogenannten Seltenen Erden ausgeweitet werden – mit weitreichenden Folgen.

Tagebau Seltener Erden in Ganxian, China

Wirklich selten sind die Seltenen Erden gar nicht: Immer wenn Sie ihr Smartphone in die Hand nehmen, den Kopfhörer aufsetzen oder den Akku aufladen, haben Sie mit den besonderen Rohstoffen zu tun. Ohne die 17 Metalle, zu denen Elemente mit Namen wie Neodym, Lanthan und Cer gehören, geht in der High-Tech-Industrie gar nichts.

Das wissen die Machthaber in China, und dieser Umstand spielt ihnen in die Karten. So verwunderte es nicht allzu sehr, als vor wenigen Wochen Chinas Staatschef Xi Jinping demonstrativ eine Fabrik für die begehrten Rohstoffe im zentralchinesischen Ganzhou besuchte. Die seltenen Stoffe werden auch für militärisches Gerät verbaut – und sie werden weltweit im Wesentlichen in China gewonnen.

Das Parteiorgan der Kommunistischen Partei deutete denn auch recht unverhohlen an, dass die Volksrepublik die Ausfuhr in die USA beschränken könnte. „Werden Seltene Erden eine Gegenwaffe Chinas zu dem ohne jeden Grund aufgebauten Druck der USA? Die Antwort ist kein Geheimnis“, schrieben die Autoren von „Renmin Ribao“ an die Adresse der Vereinigten Staaten.

Seltene Erde Neodymoxid – wird für starke Magnete gebraucht

„Sagt nicht, wir hätten Euch nicht gewarnt“

Und es fehlte in dem Kommentar auch ein gewichtiger Satz nicht: „Sagt nicht, wir hätten Euch nicht gewarnt.“ Der Satz wurde in dem Parteiorgan schon zu anderen Gelegenheiten gebraucht: Im Jahr 1962 – vier Wochen später marschierte China in Indien ein –  und 1978 – zwei Monate darauf brach der chinesisch-vietnamesische Krieg aus.

In den USA wurde der Schuss offenbar gehört. Die Regierung von Präsident Donald Trump kündigte prompt „nie da gewesene Maßnahmen“ zur Versorgung des Landes mit den strategisch bedeutsamen Rohstoffen an. Nach Angaben von US-Handelsminister Wilbur Ross werden 35 Elemente und Stoffe als „entscheidend für die wirtschaftliche und nationale Sicherheit“ eingestuft – darunter auch die sogenannten Seltenen Erden.

Ross sagte, diese Metalle würden „oft übersehen, doch ohne sie wäre das moderne Leben nicht möglich“. Zugleich sind die USA aber bei Seltenen Erden derzeit noch zu rund 80 Prozent von Importen aus China abhängig. In dem Bericht des Handelsministeriums räumen die USA ein, bei 14 der dort aufgeführten 35 Stoffe sei das Land komplett auf Importe angewiesen.

Kritische Rohstoffe

Auch in Europa stehen Seltene Erden seit 2011 auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe. Die EU ist komplett auf Importe von außerhalb angewiesen. Die Wirtschaft in Deutschland muss aber nach Einschätzung der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR) keine Lieferengpässe befürchten. „Wir sehen die Gefahren kurz und mittelfristig als eher niedrig an“, sagte Harald Elsner, Wirtschaftsgeologe bei der BGR.

Das hat auch mit dem Umstand zu tun, dass die Seltenen Erden gar nicht so selten vorkommen – es ist nur sehr schwierig, sie zu gewinnen. Bei den komplexen Förderprozessen fallen jeder Menge giftiger Abwässer und in geringerem Maße auch leicht radioaktive Abfälle an.

Auch wenn die USA und die EU seit Jahren zu 80 Prozent auf Lieferungen Seltener Erden aus China zurückgreifen: von den weltweiten Beständen der wichtigen Rohstoffe lagern nur 37 Prozent in China. Auch in den USA gibt es eine riesige Förderstätte: Mountain Pass im Süden Kaliforniens war im letzten Jahrhundert überhaupt die erste Mine, wo Seltene Erden profitabel gewonnen wurden. Steigen die Weltmarktpreise könnten auch Mountain Pass wieder wirtschaftlich interessant werden. 

Auch Australien spielt auf diesem Markt eine zunehmend wichtige Rolle: Außerhalb Chinas gibt es hier in Mount Weld das größte Vorkommen an Seltenen Erden. Seit 2011 wird hier geschürft. Oft preiswerter ist – noch – die Produktion in China. Die Lohnkosten sind dort geringer und die Umweltauflagen weniger streng. Auch ist der illegale Abbau und Schmuggel für die chinesischen Behörden ein Problem. Einer US-Untersuchung von 2016 zufolge kommen 40 Prozent der chinesischen Produktion aus illegalen Quellen.

Eine „Waffe“ als Bumerang

Der Versuch, aus den Seltenen Erden eine „Waffe“ zu machen, wie es chinesische Medien formulierten, könnte sich also als Bumerang erweisen: Analysten verweisen darauf, dass es auch in China selbst die Sorge gibt, eine weltweite Suche nach Alternativen zu befeuern. Die chinesische „Global Times“ räumte diese Gefahr ein: Wenn sich die Volksrepublik für einen Exportbann bei Seltenen Erden entscheide, werde dies „komplexe Effekte“ zur Folge haben – inklusive bestimmter Einbußen für China selbst. Auch wenn China wisse, „dass die USA in dieser Situation die größeren Verluste erleiden werden“.

Seltene Erde Lanthan – wird für optische Linsen gebraucht

Für die Produktion in Deutschland kaufen große Unternehmen noch direkt in China ein und haben nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR) langfristige Lieferverträge. Die seien von der aktuellen Auseinandersetzung nicht betroffen seien, heißt es bei der BGR. Deutschland habe 2018 rund 9724 Tonnen seltene Erdmetalle und -verbindungen importiert. Unter dem Strich stammten davon 80 Prozent aus China und 20 Prozent aus Russland. Diese Zahlen seien in den vergangenen Jahren relativ konstant gewesen.

Auch kleinere Unternehmen in Deutschland hätten noch genügend Vorräte an Seltenen Erden, sie würden vor allem von einem österreichischen Zwischenhändler versorgt. Eine andere Bezugsquelle, die inzwischen immer wichtiger werde, sei der australische Hersteller Lynas Corporation. Die Australier haben schon jetzt einen weltweiten Marktanteil von etwa 15 Prozent bei Seltenen Erden.

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