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Wirtschaft - 3 Wochen ago

Fischertechnik und der deutsche Ingenieur

Wann immer „Made in Germany“ angepriesen wird, wird der deutsche Ingenieursgeist beschworen. Wann ist er geboren? Was macht ihn aus? Ist er weltweit einzigartig? Zhang Danhong ist den Fragen nachgegangen.

In meinem letzten Heimaturlaub lernte ich einen chinesischen Unternehmer kennen, der von mir wissen wollte, woher der deutsche Ingenieursgeist kommt. Deutschland lebe aus Mangel an Rohstoffen von seinen Innovationen, und die Weltmarktführer befänden sich in ländlichen Regionen, so dass die Ingenieure aus Mangel an anderweitigen Aktivitäten den ganzen langen Tag tüfteln. Das alles überzeugte ihn nicht. Also versprach ich ihm, mich auf die Suche nach Antworten zu begeben.

Die Symbiose zwischen Technik und Wissenschaft

Wieder in Deutschland angekommen, rief ich sofort den bekannten Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser an. Er wusste auf all meine Fragen eine Antwort. „Der Ingenieur ist ein Produkt der deutschen Forschungsuniversität. Und die Forschungsuniversität ist ein wesentlicher Bestandteil der preußischen Bildungsreformen, die 1807 bis 1820 stattgefunden haben“, sagte Abelshauser. Entstanden sei der deutsche Ingenieur dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Symbiose von Wirtschaft und Wissenschaft. Die 1865 gegründete Firma BASF sei der Prototyp dieser Symbiose. Die Innovationen der synthetischen Farben, die im Reagenzglas der Forschungsuniversität geboren wurden, wurden durch die Ingenieure von BASF übernommen und zur Marktreife gebracht. Neue Industrien – Industrien der immateriellen Wertschöpfung – wurden so geschaffen: Chemie, Maschinenbau oder Elektronik. „Es ist den Deutschen gelungen, an der First Industrial Nation Großbritannien vorbeizukommen, ohne aufzuholen“, sagte Abelshauser. 

Werner Abelshauser, emeritierter Professor an der Universität Bielefeld

Klug wie die Preußen waren, hatten sie wenige Jahre nach der Einigung Deutschlands 1871, genauer gesagt 1887, den Unternehmen nahegelegt, Ausbildungsstätten einzurichten, so dass die Auszubildenden neben dem allgemeinen, schulischen Wissen auch das betriebliche, technische Wissen erwerben konnten. Das war die Geburtsstunde des dualen Bildungssystems, das in den 1930er Jahren sogar gesetzlich verankert wurde.

„Über die Facharbeiterkultur ist es dann möglich geworden, dass der Ingenieur in den Unternehmen dieser neuen Industrien das Kommando übernehmen konnte, um das Reagenzglas in die Dimension zu bringen, die der Markt braucht“, erläuterte mir Abelshauser. Vom Reagenzglas zum Markt – für den Historiker sei das die Definition vom Ingenieursgeist.

Die lange Tradition des Handwerks

Das Zusammenspiel von Ingenieur und Facharbeiter wäre aber nicht so fruchtbar, hätte es die lange Tradition des Handwerks nicht gegeben, die laut Abelshauser auf die Hansezeit im 11. Jahrhundert zurückgeht: „Zünfte, die von Handwerkern gebildet werden und die einen großen Wirtschaftsraum bestimmt haben: Von Flandern bis Russland, von Skandinavien bis Westfalen mit Lübeck als Sprecherstadt in der Mitte. Dieses städtische Handwerk war eine extrem erfolgreiche Wirtschaftsform und hat sich in Deutschland, weil es viele Zentren gab, sehr tief in die Wirtschaftskultur eingegraben.“

Das klingt alles sehr schlüssig. Die Theorie wollte ich aber einem Praxistest unterziehen und vor allem wollte ich endlich einen waschechten Ingenieur kennenlernen. Wächst er mit Fischertechnik auf und zerlegt dann im Jugendalter alle Maschinen, die ihm in die Hände kommen? Tüftelt er nur während der Arbeit oder auch nachts, wenn er mal nicht einschlafen kann?

Fischertechnik – ein immer noch von Jungen bevorzugtes Spielzeug

Im Land der Tüftler und Erfinder

Bei der Ortswahl musste ich nicht lange überlegen: Ich fahre nach Hohenlohe in Baden-Württemberg, der Region mit der höchsten Dichte an Weltmarktführern. Die einzige Tücke: Die für deutsche Verhältnisse weite Strecke von rund 350 Kilometern musste ich selber mit dem Auto fahren. Denn diese Perlen der deutschen Wirtschaft sind wie Schneewittchen hinter den sieben Bergen versteckt, da fliegt kein Flugzeug hin, da macht auch die Deutsche Bahn nicht Halt. Ich fuhr und fuhr und sobald ich die Autobahn verlassen hatte, sank das Verkehrsaufkommen von hundert auf null. Ich befand mich mitten in einer saftig grünen Berg- und Hügellandschaft und hatte immer wieder das Gefühl, direkt in die Idylle zu fahren. 

Ralf Sturm, Personalchef und Gesellschafter bei ebm-papst

In Mulfingen traf ich zuerst Ralf Sturm, Personalchef beim Ventilatoren-Hersteller ebm-papst und Sohn des Firmengründers Gerhard Sturm. Er kann die These mit der Forschungsuniversität nicht ohne weiteres bestätigen. „Mein Vater war Maschinenschlosser und hat alles von einer ganz fundierten Ausbildung heraus aufgebaut, wie auch viele Topmanager hier im Haus. Die Mehrheit hat zu der Zeit (1960er Jahre) nicht studiert. Sie waren Metall- und Elektrofacharbeiter.“ Durch seine persönliche Erfahrung hätte er ein anderes Bild. „Diese Mittelständler und Weltmarktführer sind aus dem Handwerk entstanden. Dieses jahrhundertealte Fundament des Handwerks in der Breite und in der Tiefe hat viele Erfinder hervorgebracht.“ Da war ich froh, dass er mindestens den zweiten Teil der Theorie des Historikers mit seiner Firmengeschichte untermauern konnte.

Aber das Handwerk hat auch in anderen Ländern Europas und in anderen Erdteilen Wurzeln geschlagen. Warum es in Deutschland die schönsten Blüten trägt, erklärt Ralf Sturm so: „Was sich hierzulande anders entwickelt hat, ist der Erhalt der tiefdurchdrungenen, kleinzelligen Struktur des Handwerks. Das ist bis heute so. In Deutschland haben wir noch das Meisterhandwerk. In anderen Ländern gibt es das nicht mehr in dieser Ausprägung.“

Die Symbiose zwischen Natur und Technik

In Baden-Württemberg, dem Land der Tüftler und Erfinder, kommt eine andere Symbiose hinzu. „Diese tolle ländliche Region, Natur und Landschaft in Verbindung mit einer der stärksten Wirtschaftsregionen in Deutschland, diese Symbiose von Natur und Technik, Natur und Wirtschaft, das ist Hohenlohe, das wir hier leben“, so Ralf Sturm.

Firmenzentrale von ebm-papst in Mulfingen

Dass die Natur den Tüftlergeist anregt, findet bei Thomas Heli, Leiter der Entwicklungsabteilung bei ebm-papst, volle Zustimmung. Beim Joggen im Grünen beispielsweise hätte er den Kopf frei: „So sind während des Laufens ganz viele Produktideen entstanden, die ich dann in die Firma reinbringe, und dann mit dem Team, mit den Kollegen erarbeite und umsetze.“ Ein Traum für jeden Chef!

Ein Ingenieur zum Anfassen

Thomas Heli ist genau der deutsche Ingenieur, den ich mir vorgestellt habe, nur noch sympathischer. Wie die meisten Ingenieure hat auch er als Kind mit Fischertechnik gebastelt und gespielt. Dann fing er mit einer Ausbildung als Werkzeugmacher an. „Während dieser Ausbildung habe ich festgestellt, dass das nicht alles ist, was ich machen möchte. Ich möchte Dinge gestalten, wie in der Fischertechnik.“ Also ging er nach der Ausbildung nach Karlsruhe, um Maschinenbau zu studieren – mit Schwerpunkt Konstruktion.

Mit anderen Worten: Thomas Heli ist selber den dualen Bildungsweg gegangen. „Das duale System bietet die Möglichkeit, dass man, egal von welchem Vorbildungsniveau man startet, die Durchlässigkeit hat und das erreichen kann, was man erreichen möchte.“ Und dass die betrieblichen und die wissenschaftlichen Aspekte dabei kombiniert werden, versetzt die Ingenieure in die Lage, komplex zu denken und komplexe Produkte zu entwickeln. Für Thomas Heli ist diese Denkweise das, was den deutschen Ingenieursgeist ausmacht.

Thomas Heli erklärt mir den intelligenten Ventilator

In den vergangenen 25 Jahren hat der Chefingenieur für seine Firma etliche Ventilatoren und Lüfter entwickelt und unzählige Optimierungen vorgenommen. Wenn er von seinen Produkten erzählt, spürt man fast eine Zärtlichkeit in seiner Stimme: „Weitere Sensoren haben wir eingebaut, einen Feuchte- und einen Temperaturensensor, so dass der Ventilator abhängig von der Umgebungsfeuchte und Temperatur seinen Volumenstrom an die Bedürfnisse anpassen kann.“ Ein smarter Ventilator also. Wenn Thomas Heli gerade nicht an einem noch intelligenteren Ventilator tüftelt, hört er gerne AC/DC oder schießt Bogen – überflüssig zu erwähnen, dass er die Bögen selber baut.

Zwei Welten zusammenführen

Auf der Rückfahrt denke ich über den Unterschied zwischen der deutschen und der chinesischen Unternehmenskultur nach. Während in China einige Firmenbosse wie der Alibaba-Gründer Jack Ma das 996-Arbeitszeitmodell (Von neun bis neun, sechs Tage die Woche) rühmen, träumt Personalchef und Gesellschafter Ralf Sturm bereits von sechs Stunden Arbeit am Tag. Während es für deutsche Ingenieure gang und gäbe ist, sein ganzes Arbeitsleben einer einzigen Firma zu widmen, beträgt die durchschnittliche Dauer der jungen Chinesen (unter 30) bei einem Arbeitgeber ein einziges Jahr. Der deutsche Ingenieur wartet, bis er die perfekte Lösung findet; der Chinese startet oft mit einer unfertigen Lösung und justiert nach. Von daher sind meine Gesprächspartner zwar davon überzeugt, dass China Deutschland von der technischen Seite einholen kann, der deutsche Ingenieursgeist aber so nicht zu kopieren ist.

Die Frage nach dem deutschen Ingenieursgeist stellte mir Ma Mingze, Vorstandsvorsitzender des Blockchain-Startups CRYSTO, der im Juli 2019 an die Börse geht. Viel Glück!

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