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Kultur - 15.06.2019

Zwei Stunden mehr

Die Staatlichen Museen verlängern im Endspurt die Öffnungszeiten der Mantegna & Bellini-Ausstellung. Warum so spät?

Andrea Mantegna, Die Darbringung Christi im Tempel, ca. 1453

Die Berliner Gemäldegalerie hat sich viel Kritik gefallen lassen müssen in letzter Zeit. Natürlich nicht die darin gezeigte Kunst, darüber sind die Alten Meister erhaben. Was schon lange für Verdruss sorgt, sind die Besucherzahlen, die eklatante Leere in den Ausstellungssälen im Verhältnis zu den darin gezeigten Schätzen. Auch wenn die wie vereinzelt vor Tizian, Rembrandt, Vermeer stehenden Betrachter die stille Einkehr als Vorteil genießen dürften.

Doch diesen Sommer herrscht anders als sonst Auftrieb am Kulturforum, sogar trotz der Bauzäune davor. Dafür sorgen „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“, zweifellos die Ausstellung des Jahres, ein Muss bei den Staatlichen Museen. Damit sich die Kraftanstrengung auch in Besucherzahlen niederschlägt, werden zum Endspurt noch einmal die Öffnungszeiten verlängert: statt nur bis 18 Uhr ab 18. Juni bis 20 Uhr, nicht nur an den Donnerstagen wie bisher. Das sind bis zum endgültigen Finale am Ende des Monats immerhin 28 Stunden mehr, teilt nun Michael Eissenhauer freudig mit, Generaldirektor der Staatlichen Museen und Chef der Gemäldegalerie in Personalunion. Ein wenig knauserig kommt einem dieses Zusatzangebot trotzdem vor: Hätten es nicht vorher schon längere Öffnungszeiten sein können, wie es sie beispielsweise beim Münchner Haus der Kunst oder der Frankfurter Schirn Kunsthalle ohnehin gibt? Dort sind an den Donnerstagen – bei der Schirn dazu noch mittwochs – die Ausstellungen bis 22 Uhr zugänglich. Der Potsdamer Nachbar Barberini hält seine Pforten übrigens samstags immer bis 21 Uhr geöffnet.

Mit großem Zulauf wurde offenbar nie gerechnet

Vielleicht benötigt Berlin auch gar nicht solch verlängerte Öffnungszeiten. Mit dem ganz großen Zulauf wurde offensichtlich ohnehin nie gerechnet. Zeitfenster-Tickets wie sonst bei Blockbustern gab es für Mantegna & Bellini keine. Wer tagsüber die Ausstellung besucht, muss Warteschlangen an der Kasse nicht fürchten. Gewiss, in der großen Wandelhalle, die als Ausstellungssaal dient, tummeln sich erfreulich viele Besucher. Angeregtes Gemurmel erfüllt den Raum, während in den benachbarten Sälen mit der Sammlung weiterhin kaum mehr als das Schnurren der Klimaanlage zu hören ist und dem Besucher die Kunst so gut wie exklusiv gehört. Bei Mantegna & Bellini versperren höchstens da und dort geführte Gruppen den Blick auf ein Bild. Angesichts der schlafenden Jünger beim „Christus am Ölberg“ beginnt ein Schüler herzhaft zu gähnen, wenige Schritte weiter erklärt der frühere Galeriedirektor Bernd Lindemann seinen Zuhörern die „Anbetung der Könige“. Schon wenig später steht man wieder allein da.

Es sieht nicht gerade danach aus, als ob es Mantegna & Bellini gelingen würde, die letzte Erfolgsausstellung der Gemäldegalerie vor vier Jahren, die „Botticelli- Renaissance“, noch zu überholen. Damals kamen 190 000 Besucher, wenn auch innerhalb von vier Monaten. An den Rekord der „Gesichter der Renaissance“ von 2011 im Bode-Museum mit 250 000 Besuchern lässt sich ohnehin nicht mehr anknüpfen. So viel aber ist erreicht: Die National Gallery in London, wo 100 000 Besucher die aktuelle Ausstellung an ihrer ersten Station sahen, ist abgehängt. Schon jetzt sind es in Berlin 60 000 mehr. Allerdings gibt es in London auch ein wesentlich größeres Angebot an prominenten Ausstellungen. Doch angesichts der kleinen Ewigkeit, die sich mit jedem Bild erleben lässt, verlieren Öffnungszeiten und Publikumszahlen ohnehin ihre überragende Bedeutung.

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