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Kultur - 21.05.2019

Wut im Bauch

Tagebuch, Folge 6: „Young Achmed“, der neue Film der Brüder Dardenne, beschäftigt sich mit der Radikalisierung eines arabischen Jugendlichen

Szene aus „Young Achmed“

Déjà-vus sind auf Filmfestivals keine Seltenheit. Je tiefer man sich berufsbedingt in der Welt des Kinos verliert – das Flanieren auf der Croisette taugt nur bedingt zum Realitäts-Check –, desto sensibilisierter wird der Blick für Muster und Wiederholungen. Für den größten Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Effekt sorgt diesmal ein Name, der bislang nur Brancheninsidern ein Begriff ist. Als am Montag Ira Sachs urlaubsreife, aber großenteils harmlose Familientragikomödie „Frankie“ mit Isabelle Huppert als todkrankem Filmstar (gedreht an der portugiesischen Küste) seine Premiere im Wettbewerb hat, taucht unter den Produzenten Michel Merkt auf, der in diesem Jahr zweifellos zu den Schwerstarbeitern auf dem Festival gehört.

Insgesamt laufen in Cannes 23 Filme, in denen Geld des Schweizers steckt – allesamt übrigens verdammt geschmackssicher: vom neuen Xavier Dolan über Yi’nan Diaos Gangsterballade „The Wild Goose Lake“ bis zu Jessica Hausners Dystopie „Little Joe“. Ein Cannes-Gewinner steht damit vorzeitig fest: Mit zehn Beiträgen allein im Wettbewerb ist die Goldene Palme für den eklektischen Produzenten Merkt (der übrigens auch „Toni Erdmann“ ko-finanzierte) fast unvermeidlich. Auf der Berlinale gewann er im Februar bereits mit Nadav Lapids „Synonyms“ den Goldenen Bären.

„Young Achmed“ ist der politisch expliziteste Film der Dardenne-Brüder

Auch Jean-Pierre und Luc Dardenne gehören schon seit längerem zu den wichtigsten Produzenten im internationalen Autorenkino, ihre helfende Hand reicht von Tunesien bis Rumänien. Mit dem Coming-of-Age-Drama „Young Ahmed“ über einen 13-jährigen Moslem (Debütant Idir Ben Addi), der sich vom Imam seiner Moschee radikalisieren lässt, kehren sie an die Croisette zurück. Es ist der bisher politisch expliziteste Film der Brüder, die ihre Advokatenrolle für die sozial und ökonomisch Marginalisierten zuletzt mit eher formelhaften Arbeiten behauptet haben. In „Young Ahmed“ reagieren sie auf die islamistischen Anschläge in Belgien (zuletzt im Juni vergangenen Jahres in ihrer Heimatstadt Lüttich) und die populistischen Diskussionen in Europa um den radikalen Islam.

Mit ihrer obligatorischen Handkamera folgen die Regisseure dem Alltag des Jungen, der sich in seiner Familie und in der Schule zunehmend isoliert. Seiner alleinerziehenden Mutter wirft er vor, Alkohol zu trinken, seiner älteren Schwester will er das Tragen von Röcken verbietet. Als ihn der Imam zu einem Anschlag auf seine Koran-Lehrerin anstiftet, die einen säkularen Islam vertritt, landet Ahmed im Jugendstrafvollzug: Er wird zur Resozialisierung auf einen Bauernhof gesteckt. Die Jugendpsychologin versucht zu dem Jungen durchzudringen, während der heimlich seinen Plan weiterverfolgt.

Stark ist das Spiel des Hauptdarstellers Idir Ben Addi

Was Ahmed zu der Gewalttat bewegt hat, sein familiäres und soziales Umfeld sowie die religiöse Gehirnwäsche in der Moschee (der Imam ist ein uncharismatischer Hassprediger) interessiert die Dardennes dabei nur am Rande.

Entsprechend unscharf bleibt ihr gesellschaftlicher Befund. Wie in all ihren Filmen hat auch „Young Ahmed“ seine stärksten Momente dank des emotionalen Spiels ihrer Hauptdarsteller. Wenn sich der junge Idir Ben Addi den Annäherungsversuchen der Bauerntochter entzieht, gleichzeitig um seine Seelenheil fürchtet, wird die Verwirrung Ahmeds spürbar. In einem Wettbewerb, der sich mit Mati Diops Fluchtfilm „Atlantique“, Ken Loachs Arbeiterdrama „Sorry We Missed You“, Kleber Mendonça Filhos und Juliano Dornelles Neo-Western „Bacurau“ und Terrence Malicks „The Hidden Life“ ungewohnt politisch gibt (mit Spannung wird Mario Bellocchios Politthriller „Der Verräter“ erwartet), stellt „Young Ahmed“ eine interessante Facette dar. Aber leider auch einen der weniger überzeugenden Beiträge.

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