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Kultur - 16.05.2019

Wiglaf Droste über Berliner Straßenköter

Der Autor und Sänger Wiglaf Droste ist tot. Von 2000 bis 2009 schrieb er auch für den Tagesspiegel. Lesen Sie hier einen seiner schönsten Texte.

Wiglaf Droste 2018 in Göttingen.

Ich wuchs mit Hunden auf, in einem Dorf, das Gott irgendwann abgeworfen und dann für immer liegen gelassen hatte. Für Hunde aber war es paradiesisch: Es gab Felder, Weiden, Wiesen. Felix war ein Dalmatiner, taub, lieb und damelig, und er liebte es kilometerweit zu stratzen. Er sprang in die Jungbullenweide und sorgte dort für mehr Theater als einhundert autonome Demonstranten, und Hasen jagte er leidenschaftlich, ohne je einen zu fangen. Gefangen wurde dann er von einem LKW, in den er hineinlief.

Die Leonberger Hündin Bonnie hatte das gutmütigste Wesen. Wenn die Nachbarskinder auf ihr herumknotteten und -ritten, blieb sie stets friedlich und ließ sich im Winter sogar vor den Schlitten spannen. Auch sie jagte so gern wie erfolglos, und sie war stark: Meinen Großonkel Paul zog sie einmal hundert Meter über eine Wiese, weil sie ein Kaninchen gewittert hatte. Onkel Pauls heller Anzug war danach schön grün.

So sehr ich die Hunde mochte, so gefürchtet war die Arbeit der Futterzubereitung: Pansen schneiden. Was für ein Geruch, sauer und gemein, und noch heute wird mir blümerant bei dem Gedanken, dass es Menschen gibt, die freiwillig Kutteln essen.

Köter koten, dazu sind sie da

Seit knapp zwanzig Jahren lebe ich in Berlin, aber der Berliner Hundekitsch ist mir noch immer unbegreiflich. Was treibt den Berliner zum Hund? Liebe kann es nicht sein, denn der Hund hat es nicht gut, und der Mitmensch wird vielfältig belästigt. Bürgerlicher Respekt und die Liebe zur Kreatur gebieten gleichermaßen eines: Wer einen Hund halten will, der möge sich ins Ländliche begeben.

„Der beste Freund des Menschen ist die Einsamkeit“, sagt der Dichter Horst Tomayer. Leider hat sich seine Weisheit nur geringfügig herumgesprochen und verbreitet. Zu Klumpen geballt verbringt der Berliner sein Leben – immer auf dem Haufen. Und wenn es der Hundehaufen ist. Denn der beste Freund des Berliners, so scheint es, ist der Köter. Köter kommt von Kot. Köter koten, dazu sind sie da. So spenden sie Lebensfreude. Das Berliner Dreamteam heißt Hund und Herrchen. Auch wenn Herrchen ein Frauchen ist. Das hält ewig, das hat Bestand, denn treu ist das Tier, ungetreu aber der Mensch. „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“, seufzte schon Friedrich der Weinerliche. Das jammerlappige Geächze über die Menschen, die nicht taugen, und die Tiere, die so grundgut sind, verklebt bis heute die Restgehirne.

Meckern und sich freuen sind beim Berliner eins

Jahrzehntelang war Berlin entmilitarisierte Zone. Das aber passte nicht zum preußischblauen Charakter. Er schaffte sich Hunde an und ließ sie Tretminen auslegen. Flatsch – und wieder voll hinein. Zufrieden lehnte sich der Berliner zurück, denn er sah dass es nicht gut war. Das gefiel ihm. Meckern und sich freuen sind beim Berliner eins.

Es sind nicht nur die alten und vom Leben abgeschnittenen Städter, die ein kitschiges Verhältnis zu ihrem Wuff oder Schnuff haben, dem sie im Winter ein Mäntelchen umschnallen, damit er ihnen noch ähnlicher sei, wenn sie ihn übers Trottoir und hinter sich her schleifen, bis der Hundewanst glänzt wie gegerbtes Leder. Auch der junge Berliner kann es schon gut: Potthut auf dem Kopf, Goldkette um den Hals, Gummischlappen am Fuß und die Hose derart auf Halbmast gerutscht, dass man die Kunst der Fuge begutachten kann. Beziehungsweise muss. Schlapp-schlapp adilettet sich der Jungberliner durch seinen Bezirk. Und hat ein Kampfschwein dabei. Mal an der Leine, mal heißt es: Leinen los! Knurr! Fletsch! Geifer! Arrff!

Die lustigste Demonstration, die Berlin je erlebte

Je schlechter es dem Berliner geht, desto höher ist die Anzahl der Tiere, die er solidarisch an seinem Elend beteiligt. Das Berliner Subproletariat ist ohne Köter gar nicht denkbar. Das spricht von praktischer Vernunft: Dem Solitudenbettler gibt der Berliner nichts; wenn es aber für den Hund ist, rückt er schon mal ein Kleingeld heraus.

1989 unternahm der damals erste rot-grüne Senat einen halbherzigen Versuch, die Berliner Hundehalter zu zwingen, den Unrat ihrer Tiere vom Gehweg zu entfernen – so wie es in jeder zivilisierten Stadt außerhalb Deutschlands üblich ist. Ins Mark getroffen schrien die Berliner Hundehalter auf und versammelten sich zur Protestkundgebung im Volkspark Hasenheide. Es war die lustigste Demonstration, die Berlin je erlebte. Denn alle hatten ihre Hunde mitgebracht – das Protestgekläffe der Hundehalter ging im Jaulen, Fiepen, Winseln und Bellen ihrer Lieblinge komplett unter.

Hunde sind süß, sagt der Hundehalter. Süß-sauer sind sie auch nicht schlecht, entgegnet der Chinese und lächelt höflich. Mit Rezepten für den Hund kann man den Hundefreund noch wahnsinniger machen, als er ohnehin schon ist. Da lässt er den inneren Pitbull von der Leine. Denn ohne Verfolgung, gern auch nur eingebildeter Art, fehlt dem Hund-und-Herrchen-Leben die Würze. Da reicht die bloße Erwähnung eines Hundegerichts, bei dem der Hund zum Passivesser wird, zur Mahlzeit, und der Halter regrediert zur Selbstschussanlage. Dabei möchte doch niemand, der nicht muss, Hund essen. Hund ernährt sich nicht gut, Hund stinkt pansig aus dem Halse. Wie soll Hund schmecken, wenn Hund Chappi fraß? Oder Frolic? Oder Pal? Oder Herz, klein geschnitten, ja, ein Leckerchen für’s Hundi, brav? Kein Mensch will ernsthaft Hund essen. Man sagt das nur, um das Potenzial herauszukitzeln, das im Hundeliebhaber wohnt. Und das ist gar nicht schön, das Potenzial.

Hund du Sabberschnauze

Die schönste Form der Kommunikation ist der Befehl: „Sitz! Platz!“ Aber leider platzen sie nie, der Hund nicht und das Herrchen auch nicht. Perfekt aber ist das Hund-und-Herrchen-Idyll, wenn der Präparator seine Arbeit getan hat. Ausgestopft sitzt der Hund neben dem Berliner. Von dem man sagen kann: Er ist auch ruhiger geworden.

Alles was zum Berliner Hund noch zu sagen wäre, hat der Berliner und berlinernde Dichter Michael Stein in seiner „Ode an den Hund“ aufgeschrieben: „Hund bellt Hund beißt Hund scheißt Hund stellt Hund kreist Hund reißt Hund ist der Hund Kleffscheißer Jaultöle Winselpisser ha! Hund du Sabberschnauze feucht und schleimig vorher hast du im großen flüssigbraunen Scheißbrei vor der Tür geschnüffelt nimm deine Kackschnauze von meiner Hose du Sabbersack Winselpinscher Schnüffelscheißer Wadenbeißer asthmatische Töle Wackelratte steifbeinige zitternder Schwanzeinzieher fiepsendes Glupschauge krächzender Kleffer ihr Ebenbilder ihr Ausgeburten ihr Vorwegnahme der Gentechnologie!“

Der Text von Wiglaf Droste stammt ursprünglich aus dem Tagesspiegel vom 11.11.2011. Der Autor, Satiriker und Sänger starb am Mittwoch, den 15. Mai 2019 in Franken.

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