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Kultur - 07.01.2019

Wer war Alexander von Humboldt?

Vor der Eröffnung des Humboldt-Forums: Daniel Kehlmann, Andrea Wulf und Rüdiger Schaper wagen eine Vermessung Alexander von Humboldts.

Andrea Wulf, Rüdiger Schaper und Daniel Kehlmann mit Denis Scheck (l-r).

Die Eröffnung des Humboldt Forums rückt näher, seine Sichtbarkeit in Form von Vorab-Veranstaltungen nimmt zu. Am Sonntag nun versammelte sich eine gespannte Zuhörerschaft in der Villa Elisabeth neben der gleichnamigen Schinkel- Kirche, um drei Autoren zuzuhören, die unter Leitung des Literaturkritikers Denis Scheck über Alexander von Humboldt sprechen und aus ihren Büchern lesen sollten. Daniel Kehlmanns Superseller „Die Vermessung der Welt“ ist , nunmehr 13 Jahre nach Erstveröffentlichung, eher noch aktueller geworden. Rüdiger Schaper – dem Tagesspiegel als Ressortleiter Kultur zugehörig – hat seine Biografie „Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten“ gerade erst vorgelegt. Die in England lebende Andrea Wulf, die ihr Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2015 zunächst für ein angelsächsisches Publikum veröffentlicht hatte, hatte kurzfristig absagen müssen und wurde durch Lesung eines Buchkapitels vertreten.

„Wir wollen versuchen, ein Psychogramm Alexander von Humboldts zu zeichnen“, führte Scheck die Runde gleich auf die richtige Spur; denn die wissenschaftlichen Meriten des großen Naturforschers auszuloten, bedürfte es weit mehr als eines geselligen Sonntagvormittags. Doch auch die Person bleibt schwer fassbar. Kehlmann stellte sogleich fest, kein Biograf, sondern Romanautor zu sein; das entlastete ihn fortan vom Zwang zu quellengestützter Exaktheit. In diese Pflicht sah sich dann Schaper genommen, der auf die noch immer weißen Stellen im Lebensbild des Forschers verweisen, andererseits mit Fundstücken wie der Schilderung der tumultuarischen Beerdigung des im hohen Alter als „Vielwisser“ geschmähten jüngeren der beiden Humboldt-Brüder aufwarten konnte.

Humboldt wollte nicht in diesem Preußen leben

Rüdiger Schaper hat in seiner Biografie das Gegensatzpaar von  Goethe und Alexander gezeichnet, „Der Sesshafte und der Getriebene“ – da ist Alexander „der poetische Wissenschaftler, der politischen Ämtern ausweicht und die Welt bereist“. Noch jeden erstaunen der ungeheure Fleiß und die alles übersteigende Produktivität dieses Mannes, der mit wenigen Stunden Schlaf auskam, der in seinem Leben quasi nebenbei 50 000 Briefe schrieb und der noch in gesetztem Alter auf seiner russischen Expedition 15 000 Kilometer in der zermürbenden Postkutsche zurücklegte. Der immer „fitter“ wurde, wie Scheck salopp formulierte.

Der Reisetrieb Alexanders wurde in Umrissen als  Reflex auf eine freudlose, von Bildungsdrill geprägte Kindheit deutlich. „Humboldt wollte ständig weg aus Deutschland, er wollte einfach nicht hier sein“, erläuterte Kehlmann: „Er hatte diesen seltsamen Bruder, von dem er nicht loskam, er hatte diese dominierende Mutter. Er wollte nicht in diesem Preußen leben.“ Der Bruder, das ist der Bildungspolitiker Wilhelm, um den die Sonntagsrunde einen vernehmlichen Bogen machte. Alexander kam dafür so, wie er es in seinen Erfolgsbüchern dargestellt hatte, zum Vorschein: als Forscher mit staunendem Blick, von unstillbarer Neugier, der unbekannte Welten erschließt.

In der Wissenschaft auf verlorenem Posten

„Das Sammeln von Daten und die Interpretation aus der Intuition heraus“, charakterisierte Schaper Alexanders Vorgehen: „Er steht eben nicht für Quantifizierung und Mathematisierung.“ Mit der Folge, dass er „in der Wissenschaft auf verlorenem Posten steht“, ja, er ist „tragisch aufs Abstellgleis geraten“. Kehlmann bezeichnete das Riesenbuch „Kosmos“ distanziert als „Monument eines statischen Weltbildes“.

Zum Schluss kam es zu der unausweichlichen Frage nach dem Intimleben Alexanders. Schaper wehrte diesbezügliche Spekulationen ab – man dürfe den Mann „nicht mit Begriffen von heute belegen“. Vor allem, so die Quintessenz eines erhellenden Vormittags, dürfen wir uns den Blick auf eine der größten Forscherpersönlichkeiten nicht verstellen lassen, einerlei, wie valide seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse heute noch sein mögen. Es ist die Person, die zählt.

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