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Kultur - 08.07.2019

Was zwischen den Zeilen steht

Spionage im London des Zweiten Weltkriegs: Kate Atkinsons erzählt in „Deckname Flamingo“ von einer Stenotypistin, die in eine Aktion des MI 5 hineingezogen wird.

Der Flamingo, schönes Tier und Deckname für eine Spionageaktion in Kate Atkinsons Roman.

Julia Armstrong ist 18 Jahre alt, als sie im Frühjahr 1940 vom britischen Inlandsgeheimdienst rekrutiert wird. Sie gehört zu den „Scrubs“, einer ganzen Armee junger Frauen, die nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vom MI 5 eingestellt werden, um in der Verwaltung zu arbeiten. Nach zwei Monaten in der Registratur wird sie vom Leiter der Abteilung Kontersubversion für einen Sondereinsatz abgestellt. Ein Agent des MI 5 gibt sich als Gestapo-Spion aus, um eine Gruppe britischer Faschisten zu infiltrieren. Die Treffen finden in einer Wohnung am Dolphin Square in Pimlico statt, und Julia soll in der Nachbarwohnung die heimlich entstandenen Aufnahmen transkribieren, die allerdings eine derart schlechte Tonqualität haben, das sie kaum etwas versteht: „Sie müssen zwischen den Zeilen lesen“, erklärt man ihr.

Kate Atkinsons Roman „Deckname Flamingo“ (Aus dem Englischen von Anette Grube. Droemer, München 2019. 331 S., 19,99 €) setzt demonstrativ unspektakulär ein. Man könnte fast meinen, dass die Spionagegeschichte nur ein Vorwand ist, um den Kriegsalltag in London zu beschreiben: schlechtes Essen und Ausländerfeindlichkeit, gedämpften Patriotismus und die Angst vor einer Invasion der Deutschen. Selbst als Julia für kurze Zeit selbst ins Feld geschickt wird, um im Salon des berüchtigten Right Club Kontakt zu britischen Upper-Class-Sympathisantinnen der deutschen Nationalsozialisten aufzunehmen, ist das zunächst nur der Beginn ermüdender Teestunden. Doch dann gibt es plötzlich zwei Tote: Das Dienstmädchen einer der Damen aus dem Right Club wird ermordet – und am Dolphin Square stirbt eine der englischen Faschistinnen, nachdem sie durch einen Zufall die Abhöreinrichtungen in der Nachbarwohnung entdeckt. Beide Todesfälle werden vertuscht, beide Todesfälle haben mit Julia zu tun. Zehn Jahre später, sie arbeitet mittlerweile für den Schulfunk der BBC, bekommt sie plötzliche anonyme Drohbriefe: „Du wirst bezahlen für das, was du getan hast.“

Was hat sie getan? Kate Atkinson, die es im englischsprachigen Raum mit einer fein ausbalancierten Mischung aus Kriminalroman und Gesellschaftsroman zur Bestseller-Autorin gebracht hat, lässt es langsam angehen. Routiniert lässt sie die Erzählung zwischen den beiden Zeitebenen hin- und herspringen, und am Anfang sieht es so aus, als ob es tatsächlich einfach nur um eine Stenotypistin geht, die in eine Aktion des MI 5 hineingezogen wird, um dann von ihrem früheren Leben eingeholt zu werden – ohne selbst zu begreifen, was ihr „Platz im Plot“ eigentlich ist, wie Julia es zu Beginn formuliert. Doch genau das ist die Falle, die dem Leser gestellt wird: Tatsächlich weiß Julia genau, welche Rolle sie spielt – aber ihre Erinnerungen sind so lückenhaft wie die Abschriften der verrauschten Tonaufnahmen vom Dolphin Square. Während die Agenten des MI5 ihre Legenden mit immer neuen Lügen absichern, lässt eine weibliche Schreibkraft einfach ein paar Worte im Protokoll aus und führt so ihren ganz eigenen Krieg. „Deckname Flamingo“ ist ein raffiniertes Täuschungsmanöver. Und trotz des historischen Ambientes ein zeitgemäßer Spionageroman mit Gender-Twist.

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