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Kultur - 4 Wochen ago

Was bei Helmut Newton daheim an der Wand hing

Er hatte sie alle: Die Helmut Newton Stiftung feiert den Bildband „Sumo“ des Meisterfotografen – und zeigt erstmals die Privatsammlung aus der Pariser Wohnung.

Florida heiß. Model Jerry Hall posiert 1974 in Miami vor Helmut Newtons Kamera.

Viel hilft viel. Und so ein Klotz von Coffeetablebook frisst gerahmt und an die Wand gehängt jede Menge Raum. Platz, der im Fall von Helmut Newtons Bildband „Sumo“, der 1999 zusammen mit einem von Philippe Starck gestalteten Ständer aus Metall geliefert wurde, einer Werkschau des Fotografen gleicht.

Die Porträts, die Modefotos, die ikonischen „Big Nudes“, des Meisters Schüler – alles da. So wie schon vor zehn Jahren im Museum für Fotografie. Warum nur einmal feiern, was sich immer wieder feiern lässt, dachten sich die Helmut Newton Stiftung und Kunstbuchverleger Benedikt Taschen und zeigen zum zwanzigsten Geburtstag des berühmten Buchs noch mal dieselbe Schau.

Nur dass die flankierenden Werkauszüge der „Three Boys From Pasadena“ genannten Newton-Schüler Mark Arbeit, George Holz und Just Loomis dieses Mal ausführlicher ausfallen. Und zum ersten Mal die erst kürzlich aus der Pariser Wohnung der Eheleute June und Helmut Newton nach Berlin geschaffte Privatsammlung der Newtons zusehen ist. Die in „June’s Room“ versammelten fotografischen Größen bestätigen, was bei einem Ästheten wie Newton zu erwarten ist. Er pflegt einen tadellosen Geschmack: Aktbilder von Man Ray über Henri Cartier- Bresson bis Diane Arbus, Landschaften von Franco Fontana und Peter Beard, Porträts von August Sander bis Irving Penn.

Total old school, diese Sadomaso-Mätzchen und Lesben-Spiele

Unter den Modefotos frappiert einmal mehr Richard Avedons „Dovima with Elephants“ von 1955. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme des schicken Models vor angeketteten, scheuenden Elefanten ist unnachahmlich theatralisch. Heute würden Tierschützer Sturm dagegen laufen. So wie Helmut Newton selbst ob seiner Obsession für nacktes Fleisch durchaus zu Recht häufige Breitseiten von Feministinnen erntete.

Tatsächlich sind Newtons erotische Weiblichkeitsinszenierungen der Achtziger und Neunziger, die – gern auch in der Modefotografie – mit Sadomaso-Mätzchen und als Lesben posierenden Frauenpaaren arbeiten, reine Männerfantasie. Und in ihrem Hedonismus und ihrer Manieriertheit noch dazu unglaublich oldschool und unfreiwillig komisch. Und doch zeugen Pomp, Pathos und Camp-Attitüde in archäologischer Rückschau von der Ästhetik dieser in glamouröse Oberflächen verliebten Zeit. Und in der Selbstverständlichkeit, mit der Newton nicht nur rasierte, sondern auch wollige Schamhaare ablichtet, erkennt man heute überrascht ein feministisches Statement. Auch das noch: Helmut Newton, der Herr der Möpse, entwickelt sich in einer Gegenwart rasierter, operativ optimierter Kindermuschis zum Retter des wilden weiblichen Buschs.

Salvador Dalí schaut der Tod schon über die Schulter

Von der künstlerischen Kraft seiner mitunter geradezu entlarvenden Porträts angezogener Prominenz gar nicht zu reden. Newton hatte sie alle. Künstler, Politiker, Filmstars, Modeschöpfer, Models, Millionäre. Salvador Dalí und Elisabeth Taylor, Jean-Marie Le Pen und Charlotte Rampling, Leni Riefenstahl und Karl Lagerfeld, Jodie Foster und Andy Warhol, Zaha Hadid und Aga Khan.

Hier findet sich statt des omnipräsenten Eros auch sein Gegenpart Thanatos. Newtons Aufnahme des siechen Greises Dalí, der für ihn in einem herrschaftlichen Boudoir im Satinmantel posiert, während ihm der Tod schon in Gestalt eines in die Nase geführten Sauerstoffschlauchs über die Schulter schaut, ist so grässlich gut, wie es nur der 2004 verstorbene Newton vermag. Dem 1920 in Berlin-Schöneberg als Helmut Neustädter geborenen Fotografen waren existenzielle Brüche vertraut. Wie das bei einem 1938 von den Nazis aus Deutschland vertriebenem Sohn jüdischer Eltern so ist. Das Wissen um die Vergänglichkeit jedes noch so üppig schwellenden Fleisches scheint auch seinem Porträt von Anita Ekberg von 1988 eingebrannt.

Angesichts dieses geballten Belegs fotografischer Meisterschaft sehen die Werke seiner Schüler einigermaßen alt aus. Mark Arbeits als Hommage an Newton gedachten Fotogramme weiblicher Aktmodelle, die sich während der Belichtung aufs Fotopapier gelegt haben, rangieren hart an der Grenze zum Schund. Die von George Holz in Hollywood porträtierten Celebrities verströmen das schwere Parfüm höchst artifiziellen Anspruchs. Von den drei Ex-Assistenten findet einzig Just Loomis halbwegs aus dem Schatten Newtons hinaus. Seine in Nahaufnahmen fotografierten „Backstage“-Serien von Modenschauen und Shows zeigen ein abgeschminktes, erschöpftes Amerika. Museum für Fotografie, Jebenstr. 2, bis 10. 11., Di–So 11–19 Uhr, Do 11–20 Uhr

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