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Kultur - 1 Woche ago

Vorwärts mit der Entgeilisierung!

Übergriffig, unterschwellig, oberfaul: Peter Lichts „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“, uraufgeführt beim Berliner Theatertreffen.

Szene aus „Tartuffe“ von Claudia Bauer.

Dieses Stück muss man nicht mögen. Man kann es auch gar nicht mögen im Sinn von bejubeln, denn man ist Teil davon und kennt das viel zu gut – das übergriffig-oberflächliche Bandwurmgerede der Kreativen, die Endlosschleifen auf Themenkonferenzen, die Hirnwaschgänge der Meetings, die einen maximierten Alltag ausmachen. Und die Freizeit wird nicht anders organisiert. Das Leben ist ein Workshop, und wir zahlen dafür.

So ist die Lage. Peter Licht hat daraus eine Komödie gemacht, „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“. Der erste Kalauer steckt also schon im Titel seiner Molière-Paraphrase, von Claudia Bauer uraufgeführt am Theater Basel. Ja: eine Komödie. Es gibt ja nicht so viel davon. Das tut dem Theater und dem Treffen gut. Schließlich wird hier der Sprech von Kuratoren und Performativ-Theaterwissenschaftlern und gern auch Kritikern verarscht – auf eine Weise, die Parodie und Original so gründlich vermischt wie Wahrheit und Lüge.

Ohrwurmige Kreationen und Verbale Sturzbäche

Die Welt will betrogen sein, das ist nichts Neues. Das Publikum will unterhalten werden, das allerdings wird oft vergessen. Darin liegt der Erfolg eines Herbert Fritsch, eines René Pollesch und eines Peter Licht begründet. Der Songschreiber, Musiker und Poet („Lieder vom Ende des Kapitalismus“, „Wenn wir alle anders sind“) verführt das Basler Theater dazu, sich mit seiner Sprachkunst zu messen, mit ohrwurmigen Kreationen und verbalen Sturzbächen, in denen der Ungeübte leicht ertrinkt und der Liebhaber von grammatikalischem Sex – von Ernst Jandl bis Thomas Bernhard – sich lustvoll dahintreiben lässt.

Wie oft bringt man das Wort „geil“ oder „ungeil“ samt „Entgeilisierung“ in einem Satz unter? Die Akteure, eine Kreuzung aus Zombies, Barockpüppchen und Extremsportlern, zappeln im Netz der Licht-Wortspiele und genießen es. Allerdings: Theatertreffen ist Umzugsstress, nicht jedes Stück von Werweißwoher überträgt sich verlustfrei. Die Basler Truppe musste sich im Haus der Berliner Festspiele erst einmal freispielen. Nervöser Beginn, abtasten, würde man im Fußball sagen. Und einmal wird tatsächlich auch der Videobeweis gefordert. Claudia Bauer setzt die Technik sparsam ein, nicht überwuchernd wie Castorf. Der Exzess passiert im Sprechen, nicht im Bild. Tartuffe-Tüffi, mit Schweinemaske, holt aus dem Hause Orgon/Orgi unfassbare Mengen von sexualisiertem Geschwätz heraus. Gender-Debatte im Thermomix.

Ein großer Spaß, anregend, anhaltend. das Zeug kriecht in die Stimmbänder und Nervenbahnen. Und die Enttäuschung: Tüffi ist doch nur ein gewöhnlicher Geschäftemacher, keine richtige Sau, und Peter Licht will unbedingt noch moralisieren, den Irrsinn auflösen. Als wollte er sich für die brutalen Manipulationen, die oft eklige Sprachanmache entschuldigen. Leider dann ungeil.

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