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Kultur - 17.06.2019

Unfreiwillige Verwässerung

Nach dem Rücktritt von Peter Schäfer: Das Jüdische Museum Berlin steht vor der Herausforderung, die Besonderheit der jüdischen Geschichte wieder stärker sichtbar zu machen.

Wenn sich Fahnen streicheln im Wind. Michael Wolffsohn hält die proisraelischen Bekenntnisse der deutschen Politik für…

Am Anfang schuf der Kunsthistoriker Edwin Redslob das Berlin Museum. So geschehen 1962. Standort war der heutige Altbau des Jüdischen Museums, das 1735 fertiggestellte Kammergerichtsgebäude. Als „Reichskunstwart“ der Weimarer Republik hatte Redslob die bewegenden Trauerfeiern für Außenminister Walther Rathenau und Reichspräsident Friedrich Ebert arrangiert. 1945 gehörte er zu den Gründern des „Tagesspiegel“, dann der Freien Universität Berlin. Als ihr Rektor amtierte er 1949/50. Juden und Judentum Berlins sollten integraler Bestandteil des Berlin Museums werden. Redslob sagte immer wieder, und als Jugendlicher habe auch ich ihn erlebt und es von ihm gehört: „Juden und Judentum gehören untrennbar zu Berlin. Ohne Juden wäre Berlin nicht Berlin. Deshalb kein eigenes Jüdisches Museum, sondern eine große jüdische Abteilung im Berlin Museum.“

Mitte der 1980er Jahre wurde anders entschieden. Der großen Bedeutung der Juden wegen solle es doch ein großes, eigenes Jüdisches Museum in Berlin geben. So kam es. Wortführer war dabei Heinz Galinski, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins. 1995 wurde das Berlin Museum zum Heimatmuseum herabgestuft. Es ging im Märkischen Museum auf. Aufgewertet wurde das Jüdische Museum Berlin (JMB). Es zog ins Stammhaus des Berlin Museums und wurde bekanntlich durch den Libeskind-Bau veredelt.

Grenzt man Deutschlands Juden durch ein gesondertes Museum aus?

Für beide Ansätze gibt es gute Gründe. Keiner ist an sich richtig oder falsch. Unmöglich aber ist eine Mischung. Das ist also die Frage an sich: Grenzt man Deutschlands Juden durch ein gesondertes Jüdisches Museum nicht von der deutschen Allgemeinheit, „den“ Deutschen, aus? Stößt oder verstößt man sie also, zumindest symbolisch, nicht wieder hinter Ghettomauern?

Um festzustellen, dass Juden zu Deutschland gehören, bedarf es (anders als auf den Islam bezogen) keiner bundespräsidialen oder anderen amtlichen Bestätigung. Juden, Judentum und Synagogen gehörten zu Deutschland, bevor es überhaupt „Deutschland“, „die“ Deutschen oder Kirchen auf dem Boden des heutigen Deutschland gab. Die Gelehrten streiten darüber, seit wann genau Juden auf deutschem Boden leben. Allgemein gilt als Anfang ein Edikt des Römische Kaisers Konstantin aus dem Jahre 321 nach Christus. So gesehen und polemisch überspitzt: Ein gesondertes Jüdisches Museum in Deutschland – freilich unter wohlmeinenden Vorzeichen – ist so etwas wie eine Variante des Gelben Sterns.

Das JMB ist eine bundeseigene Stiftung

Als Sondermuseum versteht sich das JMB bislang: Es „ist, anders als alle anderen Jüdischen Museen in Deutschland, kein lokales Museum, sondern das deutsche Nationalmuseum zur Geschichte, Religion und Kultur des aschkenasischen, das heißt mitteleuropäischen Judentums, von den Anfängen bis zur Gegenwart.“ Dieses öffentlich mehrfach präsentierte Selbstverständnis erhielt bislang deutschamtliche und verbandsjüdische Weihen. „Aschkenasisch“ beinhaltet Mitteleuropa plus Nord-Frankreich. Süd- Frankreich zählt zum sephardischen (spanischen) Bereich des Jüdischen. Auch das polnische Judentum zählt zu Aschkenas. Doch um Provokationen von und Konfrontationen mit Polen zu vermeiden, wurde das polnische Judentum (das zeitweise auch deutsch war, man denke an Posen) ausgeklammert.

Den Sonderstatus des JBM fixiert das „Stiftungsgesetz für die Stiftung Jüdisches Museum Berlin. Der Bundestag hat es am 16. August 2001 verabschiedet, und so wurde das JMB eine bundeseigene Stiftung des öffentlichen Rechts.

Paragraf 2/1 lautet: „Zweck der Stiftung ist es, jüdisches Leben in Berlin und in Deutschland, die von hier ausgehenden Einflüsse auf das europäische und das außereuropäische Ausland sowie die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur zu erforschen und darzustellen sowie einen Ort der Begegnung zu schaffen.“

Der Konflikt ist Programm

Wie es sich in einer Verbandsdemokratie gehört – erst recht bezogen auf die so heikle deutschjüdische Thematik –, wurden die „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ und Verbände, allen voran der deutschjüdische Zentralrat, vor der Gesetzesverabschiedung befragt und angehört. Konsens war gefragt, er wurde erreicht. Was die einander Zustimmenden offensichtlich nicht bedachten: Als gesetzlich so definiertes deutsches Nationalmuseum war der Konflikt mit der jüdischen Mehrheit im In- und Ausland strukturell programmiert, denn: Genau besehen bedeutet dieser Text die Entjudung des spezifisch Jüdischen. Das für ein jüdisches Museum eigentlich selbstverständlich vorherrschend Jüdische wurde durch die Unverbindlichkeit des Allgemeinen aufgelöst. In Schönwetterperioden fiel das nicht auf. Jetzt, in stürmischen Zeiten, wurde es offenkundig.

„Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur“ sowie „Ort der Begegnung“ – mit anderen Worten findet man, folgerichtig, diese Wortsignale auf der Website des JMB: „Wir sind ein lebendiger Ort der Reflexion über die jüdische Geschichte und Kultur sowie über Migration und Diversität in Deutschland.“

Das genuin Jüdische wird verwässert

Im Klartext: Hier wurde die deutschjüdische Geschichte samt sechsmillionenfachen Judenmordens um die islamische Dimension sowie um die universalistische erweitert – und dadurch letztlich entjudaisiert. „Wie das Gesetz es befiehlt.“ Ohne den eigenen, durchaus gut gemeinten, Ansatz zu Ende zu denken, hat die deutsche Politik und Gesellschaft, ebenso wie das JMB, den innen-, nahöstlichen und weltpolitischen Islam-Nahost-Sprengstoff mit dem jüdischen Thema verflochten und Jüdisches (unfreiwillig?) verwässert. „Wie das Gesetz es befahl“, wurde das genuin Jüdische verwässert. Durch das Festhalten am Wort „jüdisch“ fürs Jüdische Museum wurden bei Juden und Nichtjuden völlig entgegengesetzte Erwartungshaltungen geweckt. Indem er sich ans Gesetz hielt, wurde JMB-Direktor Peter Schäfer Opfer dieser Denkdefizite. Dass diesem bedeutenden Judaisten diese Defizite bekannt waren, darf man voraussetzen. Wahrscheinlich wollte er mit seinem Gang durch diese Institution ihr erstmals mehr jüdische Substanz einpflanzen.

Ohne es (wirklich?) zu bemerken, haben die an jenem Gesetzgebungsvorgang Beteiligten ein Eigentor geschossen. Sie übersahen (wirklich?), dass sie durch die Entjudaisierung der jüdischen Geschichte ein seit dem Historikerstreit von 1986 nahezu gesetzgleiches Axiom aufhoben: die welthistorische Einzigartigkeit des sechsmillionenfachen Judenmordens.

Es geht nicht um den „Fall Peter Schäfer“

Wie jüdisch ist das jüdische Museum? Unabhängig von einer jüdischen Mini-Minderheit in Deutschland, Israel und der Welt sagt die jüdische Mehrheit: Das JMB sei „kaum noch“ jüdisch. Deshalb fordert zum Beispiel Zentralratspräsident Josef Schuster: Das JMB müsse fortan „jüdischer“ sein.

„Die“ Deutschen beziehungsweise ihre Mehrheit und besonders ihre „Eliten“ haben das Jüdische sowie den sechsmillionenfachen Judenmord („Holocaust“) in der Unverbindlichkeit des Allgemeinen („Universalisierung“) aufgelöst. Das jüngste, krasse Beispiel lieferte unser Außenminister am 11. Juni. Anne Frank wäre am Folgetag 90 geworden. Maßlos daneben liegend twitterte Maas (SPD): „Ihr Schicksal führt uns die Widerwärtigkeit des Faschismus schmerzhaft vor Augen. Nehmen wir ihren Rat an: Machen wir die Welt wenigstens so viel besser, dass Faschismus nie wieder eine Chance hat.“ Das spezifisch Jüdische am Schicksal Anne Franks unterschlug der Mann, der „wegen Auschwitz“ Politiker wurde. Ebenfalls twitternd konterte der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Emmanuel Nahshon: „Anne Frank’s diary is NOT a warning about wishy washy pseudo universal values! Anne Frank’s legacy is a warning against the hatred and persecution of JEWS. The attempt to „universalize the lessons of the Shoah“ is nothing less than a dishonest rewriting of history.“

So gesehen, ist der Fall „Peter Schäfer und das JMB“ weder ein Fall Peter Schäfer noch ein Fall JMB. Das wahre Problem ist die Universalisierung, also das in Deutschland vorherrschende, ins unverbindlich Allgemeine Übertragene von Holocaust und Jüdischer Geschichte. Die deutsche Nahostpolitik befördert diese Entwicklung, denn sie ist ein politischer Zwitter: faktisch iranfreundlich und zugleich deklamatorisch proisraelisch.

Was genau soll das Jüdische Museum Berlin sein?

Daraus folgt: Was genau soll das JMB sein? Ein National- oder Heimatmuseum? Ein National- oder Heimatmuseum aller Deutschen, auch der muslimischen? Ein National- oder Heimatmuseum nur über, für, durch, von und – versteht sich trotz jüdischer Boykottverteidiger – nicht gegen Juden oder Israel.

Wer diese Fragen sowie die jeweiligen Antworten personalisiert und auf Peter Schäfer reduziert, hat schon jetzt die künftigen Probleme programmiert. Trotzdem ein Wort zu Peter Schäfer. Der JMB-Twitter, der die Lektüre von Verteidigern der BDS-Israelboykotteure empfahl, ist inakzeptabel, denn: Israelboykott gleicht dem NS-Judenboykott „Kauft nicht bei Juden!“ Auch 1933 gab es eine jüdische Mini-Mini-Minderheit, die den Judenboykott verniedlichte. Selbst diese Selbstverleugnung half diesen Juden nicht – weil sie Juden waren. Doch worin unterscheidet sich jener unsägliche Pro-BDS-Tweet von den Argumenten eines Norbert Röttgen (MdB, CDU) und seiner Mitstreiter? Sie wollen die budgetäre Umsetzung des Anti-BDS-Beschlusses unserer Volksvertretung verhindern. Röttgens Rücktritt vom Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses fordert keiner.

Selbst der Außenminister verhält sich nicht immer proisraelisch

Der JMB-Tweet wurde zudem gegen den ausdrücklichen Willen von Peter Schäfer formuliert und versendet. Dass er den iranischen Kulturattaché empfing, bezeichnete er selbst – leider erst nachträglich – als „Dummheit“. Die falsche Wiedergabe des Gesprächs – ein Protokoll gab es nicht – erfolgte durch die iranische Botschaft. Schäfer setzte durch, dass die Botschaft den Schwindel entfernte. Thema der Begegnung war eine mögliche JMB-Ausstellung mit historischen Fotos iranischer Juden. Doch worin besteht der Unterschied zwischen so einem Gespräch und Treffen deutscher Außenminister (Maas ist nicht der erste) mit den Spitzen der Mullah-Diktatur? Jüngst versuchte Heiko Maas das Atomabkommen zu retten, das der Jüdische Staat sowie die überwältigende Mehrheit aller Juden als tödliche Bedrohung für Israel und die Welt betrachtet? Und hatte nicht davor der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gedeckt vom Auswärtigen Amt, mit dem Iran über eine Deutschland-Ausstellung der Kunstsammlung von Ex-Kaiserin Farah-Diba verhandelt?

Jede Krise hat ihr Gutes. Jedermann erkennt jetzt: Nicht nur das JMB-Konzept muss neu und durchdacht entwickelt werden. Es ist vor allem höchste Zeit, dass nicht nur Deutschland und „die“ Deutschen Holocaust und Jüdische Geschichte wieder judaisieren und sich nicht hinter unverbindlich Allgemeinem verstecken.

Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist und wurde 2017 zum Hochschullehrer des Jahres gewählt. Zuletzt erschien bei dtv „Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie“. 2018 wurde er mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

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