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Kultur - 6 Tagen ago

Schlaftrunk für Autos

Das Wesen der Dinge steckt im Detail: Eine Retrospektive zum Werk von Sigrid Neubert im Museum für Fotografie.

Streng geordnete Welt I. Bild aus einer Serie über die Gartenanlage von Nymphenburg.

Ach so, „Mad Men“, die Serie über eine Werbeagentur im New York der Sechziger, wurde also in München gedreht? Das ist jedenfalls der Eindruck, den Sigrid Neuberts Fotos vom Schwarzen Haus, einem ehemaligen Gebäude des Süddeutschen Verlags am Färbergraben, erwecken. Die Fassade: von Mies van der Rohe inspiriert. Das Interieur: Mid-Century Modern in Reinform. 1969 von Detlev Schreiber, Herbert Groethuysen und Gernot Sachsse erbaut, erscheint das Haus als ein Stück Manhattan im sechsstöckigen Miniaturformat. Beim Blick in die leeren Großraumbüros glaubt man schon das Hämmern der Schreibmaschinen zu hören.

„Mad Men“ verdichtete Geschichte in Design. Die Retrospektive zu Sigrid Neubert im Berliner Museum für Fotografie demonstriert, wie großartige Architekturfotografie die Ästhetik einer Ära einfangen kann. Neubert fotografierte mehr als dreißig Jahre lang die ikonischen Bauten der Nachkriegsmoderne in Süddeutschland. Das Olympiagelände von Günter Behnisch und Frei Otto genauso wie das BMW-Ensemble von Karl Schwanzer. Durch Neuberts markanten Stil – hohe Kontraste, strahlende Wolken, perfekte Perspektiven – werden die Häusern zu stummen Erzählern, die von einer vergangenen Zukunft künden. Ein Spiel in Licht und Schatten. Nebenbei sind die Fotos historische Dokumente, viele Bauten, auch das Schwarze Haus, existieren inzwischen nicht mehr. Die Ausstellung gibt einen ausführlichen Einblick in Neuberts Schaffen. Neben den 87 beruflich entstandenen Architekturaufnahmen sind 100 künstlerische Fotos zu sehen, die durch Gärten und Parkanlagen bis zu den steinzeitlichen Megalithen der Tempel von Malta führen. Eine kleine Genealogie der menschlichen Baugeschichte.

Die Distanz der Kamera schafft Raumtransparenz

1927 in Tübingen geboren, besuchte Neubert in den fünfziger Jahren die Bayerische Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München und arbeitete zunächst als Werbefotografin. Um die Mitte des Jahrzehnts begann sie mit Architekturfotografie. Dabei inspirierte sie der US-Fotograf Julius Shulman, dessen Bilder die Gebäude und den Lebensstil des Nachkriegskaliforniens festhielten. Und so erlauben ihre stillen Aufnahmen der Anfangszeit einen kühlen und präzisen Blick auf die Formensprache der Architektur. Etwa die, in der Walther und Bea Betz Apartmenthäuser bauten. In den Fotos der Wohnlandschaften sind alle kunstvoll arrangierten Bildflächenelemente gleichberechtigt. Die Distanz der Kamera erlaubt eine Transparenz des Raums. Die nächtliche Ansicht einer verschlafenen Total-Tankstelle wirkt, als wollten Edward Hoppers „Nighthawks“ ihren Autos gleich noch einen Schlaftrunk zapfen.

Nach und nach lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen, wie Neubert ihren charakteristischen Stil entwickelt hat. Aus der entrückten Beobachter-Position wird eine Perspektive der Teilnahme. Nicht die reine Äußerlichkeit will sie abbilden, sondern dem Wesen der Gebäude näher rücken. Und das offenbart sich eben nicht immer in einer Totalen, sondern oft in einer Detailansicht aus ungewöhnlicher Perspektive.

Etwa bei den Bildern des Hochhausturms der Hypovereinsbank von Walther und Bea Betz. Sie zeigen, wie einem das Erstaunen beim Anblick eines Gebäudes den Kopf in den Nacken presst. Das Sonnenlicht und der Blickwinkel verwandeln die Texturen der Fassade zu einer abstrakten Collage aus Glas und Aluminium. Dass viele Fotos wirken, als stünde das Objektiv im Dialog mit den Gebäuden, ist nicht verwunderlich: Neuberts Aufnahmen entstanden stets in enger Zusammenarbeit mit den Architekten.

Neuberts Bildband widmet sich dem Schlosspark Nymphenburg

Die ab den siebziger Jahren entstandenen künstlerischen Fotoarbeiten sind in der Berliner Ausstellung mit dem Stichwort „Natur“ betitelt. Eine Hinwendung, mit der eine Abkehr von der Architektur einhergeht, doch beide sind nur scheinbar: Neuberts erster Bildband widmet sich dem Schlosspark Nymphenburg.

Von Friedrich Ludwig Sckell nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten umgestaltet, veranschaulicht der ehemalige Barockpark, wie man im 18. und 19. Jahrhundert künstliche Natürlichkeit produzierte. Der Landschaftsgarten ersetzt den praktischen Umgang mit der Natur durch ihren ästhetischen Anblick. Neuberts Fotografien bezeugen eindrücklich, wie Sckell eine Harmonie zwischen Bäumen und Gebäuden schuf. Die versteckte Amalienburg etwa oder der Pavillon des Kronprinzengartens zeigen sich oft erst auf den zweiten Blick hinter einem Schleier aus Zweigen.

Die manieriertesten und sinnlichsten Fotos der Ausstellung haben zugleich das natürlichste Motiv: Neuberts Blütenbilder sind der Kumulationspunkt ihres Spätwerks. Vom Monochrom der scharfen Konturen und modernen Baustoffe ist hier nichts geblieben. Keuscher als die erotisierten Blumenbilder eines Mapplethorpe oder Araki fangen Neuberts Nahaufnahmen das verwischte Farbspiel der Blätter und die Formensprache der Pflanzen ein. Hier wird ein zartweißer Blütenstempel als Bauwerk inszeniert. Die älteste Architektin, sie heißt Natur.

Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, bis 3.6., Di-Mi 11-19 Uhr, Do 11-20 Uhr, Fr-So 11-19 Uhr. Der Katalog „Sigrid Neubert. Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne“ erscheint im März im Hirmer Verlag, 45€.

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