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Kultur - 15.06.2019

Neuköllner Oper zeigt Musical über G-20-Krawalle

In Berlin gibt es Hamburgs G-20-Krawalle nun auch als Musical zu sehen. „Welcome to Hell“ heißt es und ist ein Potpurri an Typen und Motiven.

Umzingelt. Journalistin Kata (Anastasia Troska) wird bedroht.

Mit leichter Hand heiße Eisen anfassen. Wenn das einer kann, ist es Peter Lund. Der Musicalprofessor von der Universität der Künste arbeitet sich mit seinen Studierenden regelmäßig an wenig unterhaltungsaffinen Themen wie Psychiatrie, Tod, Armut oder Wohnraummangel ab. Mit „Stella“ gelang ihm vor zwei Jahren an der Neuköllner Oper sogar das bewegend vielschichtige und musikalisch hinreißende Psychogramm einer jüdischen Gestapo-Agentin. Trotzdem ist die Idee, die Hamburger G-20-Krawalle vom Juli 2017 in Musicalform zu bannen, ein dermaßen tollkühner Plan, dass Lund und seinem – wie Donnerstagabend angesagt – von akuten Grippeausfällen geplagten Ensemble allein für dieses Musiktheaterexperiment Respekt gebührt.

Zwölf Menschen sind in die Geschehnisse rund um den Weltwirtschaftsgipfel verstrickt. Die Bühne der Neuköllner Oper ist offen. Im Hintergrund deuten Projektionen die Altbaufassaden des Schanzenviertels an. Auf einer Palette stapeln sich Getränkekisten, die den zentralen Schauplatz symbolisieren, einen Supermarkt, der schließlich demoliert und geplündert wird. Die Auftaktszene gehört jedoch nicht Kassiererin Krissy (Andrea Wesenberg), die hier jobbt und den Autonomen Andi (Mathias Reiser) und seine Freundin Frieda (Lucille-Mareen Mayr) schon als Kunden kennt, sondern der Bloggerin Sabine.

Anti-Aggro-Sound kostet Streetcredibility

Die von Mira Keller gespielte Misanthropin hockt als kommentierende Beobachterin in einem Wohnungswürfel, der als variable Behausung unterschiedlicher Akteure dient, und singt mit strahlender Stimme ihre Posts. Die erste Ensemblenummer der wunderbar virilen Youngstertruppe ist dem Titelsong gewidmet. Bei Zeilen wie „Welcome to Hell, die Hölle sind wir alle“ ist gleich klar, wo die Identifikationsreise musikalisch hingeht. Michael von der Nahmer hat zum Wut- Thema keine harten Rocksongs, sondern einen poppigen, balladesken Anti-Aggressions-Sound komponiert, der viel zu deeskalierend für das explosive Thema wirkt. Das kostet Streetcredibility.

Auch die dafür virtuos miteinander verzahnten Charaktere fallen nicht durchweg glaubwürdig aus. Christ Friedrich, Zuhälter Ricky, Henry, der französische Referent und Jesus – der spanische Stricher – bleiben Klischees, obwohl Pablo Martinez beim Paso Doble ebenso wie als Tänzer generell überzeugt. Die beste Männerrolle hat Alexander Auler als Polizist Stefan erwischt. Erst plagen ihn noch schlimme Zweifel über Sinn und Unsinn des Einsatzes. Doch nachdem Andi ihm in der Schanze einen Streifschuss verpasst, wird er zum Hardliner, eine gruselige Verwandlung. Starke Auftritte legen auch Tae-Eun Hyun als koreanischstämmige Mina, ein vergnügungssüchtiges Mädel aus Husum, und Anastasia Troska als ehrgeizige Journalistin Kata hin. An ihr stört nur die Tatsache, dass Lund über die Figur, die sich – am Ende ebenfalls radikalisiert – für eine Vergewaltigung rächt, auch noch das MeToo-Thema ins Stück schlenzt.

Soll der Rest der Welt krepieren, ich geb nicht’s ab

Tatsächlich gleicht „Welcome to Hell“ mit seinen unterschiedlichen homo- und heterosexuellen Paarungen vor allem in der ersten Hälfte trotz Gripstheater-Appeal eher einem Emanzipations- als einem Klassenkampf-Musical. Dem überfrachteten Typen- und Motiv-Potpourri fehlt es an Konzentration. Wenn sich Lily, die Medizinstudentin, als Tochter einer Syrerin vorstellt, denkt man prompt, dass jetzt nur noch eine griechische Transfrau auf brennenden Barrikaden fehlt.

Wie von Zauberhand ist dann gegen Ende der von Hans-Peter Kirchberg und seinem Miniorchester souverän musizierten Zweistundenshow plötzlich alles im Lot, als Henry die von Lund rattenscharf betextete Egohymne des westlichen Lebensstils schmettert: „Es gibt zu viele auf der Welt/ich will meinen Standard halten /doch die Ressourcen werden knapp/soll der Rest der Welt krepieren/ich geb’ nichts ab.“ Die von Loic Damien aasig präsentierte Fingerschnips-Nummer zeigt, dass eine böse Spitze auch im Entertainment funktioniert. Nur wird sie dann vom Ensemble prompt in den positiven Appell „Gib was ab!“ gedreht. Dem Jubel des Publikums nach hat die moralische Läuterung funktioniert.

wieder am 17., 18., 23.–25., 29., 30. März und im April

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