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Kultur - 3 Wochen ago

Künstlerische Kampfansagen

Pionierin feministischer Medien-, Film- und Performancekunst: Der Neue Berliner Kunstverein würdigt Valie Export mit einer repräsentativen Ausstellung.

Ein Entwurf zu „Stand up. Sit down“ (1989) als Collage.

Als Valie Export vor genau 50 Jahren erstmals ihr Tapp- und Tastkino auf einem Filmfest in Wien vorführte, war das zunächst ein Skandal. Eigentlich sollte sie dort für ihren Film „Ping Pong“, bei dem das Publikum mit Punkten auf der Leinwand interagiert, einen Preis bekommen. Aber als die Künstlerin mit ihrem vor den Körper geschnallten Kasten auftrat, durch den man ihre nackten Brüste erfühlen konnte, tobte das Publikum, wie sich Export noch immer gerne erinnert. Die Präsentation wurde abgesagt. Später auf dem Münchner Stachus standen die Besucher dieses besonderen Kinos Schlange.

Auch die nächste Aktion mit ihrem damaligen Partner Peter Weibel, ebenfalls 1968, sorgte für Aufregung. Weibel begab sich dafür auf alle Viere und ließ sich von Export in Wiens Innenstadt am Halsband Gassi führen. Export verstand sich darauf, mit drastischen Bildern und vollem Körpereinsatz vorzuführen, was in den (männlichen) Köpfen vorgeht. Mit ihren subversiven Aktionen drehte sie die realen Verhältnisse einfach um.

Das Tapp- und Tastkino holte ans Licht, was sonst nur im dunklen Kinosaal in der Fantasie geschieht. Das Frauchen-Hund-Schauspiel nahm die Machtverteilung zwischen den Geschlechtern aufs Korn. Fortan wurde die damals 28-Jährige den Wiener Aktionisten zugerechnet, wenn sie sich auch nicht wie diese quälte, ritzte oder mit Blut panschte. Wie Brus, Nitsch und Mühl gehört Valie Export längst zum Kanon der jüngeren Kunstgeschichte. Und natürlich darf sie auch beim großen 68er-Jubiläum nicht fehlen.

Zwischen 1991 und 1995 lehrte Export an der Berliner UdK

Der Neue Berliner Kunstverein erinnert nun mit einer Präsentation des Lentos Kunstmuseums in Linz an die Pionierarbeiten dieser bedeutenden Protagonistin feministischer Medien-, Film- und Performancekunst, die Generationen den Weg bereitete. In der oberösterreichischen Stadt ist seit 2015 das Valie Export Archiv angesiedelt, dorthin gab die Künstlerin als Kind der Stadt ihren Vorlass. Für Linz ist es als Standort des Festivals Ars Electronica zugleich eine Bestätigung, in Sachen Medienkunst federführend zu sein. Im vergangenen Jahr führte Lentos-Chefin Sabine Folie mit einer Ausstellung erstmals vor, wie das dem städtischen Museum angeschlossene Archiv arbeitet, in welche Richtungen der wissenschaftliche „Polylog“ ausgreift, den sich die Künstlerin mit ihrer Überlassung wünscht. Dass er nun bis nach Berlin reicht, kommt nicht von ungefähr. Zwischen 1991 und 1995 lehrte Export an der Berliner Universität der Künste. Anschließend zog es sie weiter an die Kunsthochschule für Medien nach Köln.

Anders als die üppige Retrospektive 2003 in der Akademie der Künste, zu deren Mitglied sie im gleichen Jahr berufen worden war, kommt die Ausstellung im Neuen Berlin Kunstverein eher nüchtern daher. Schließlich besteht die Natur des Archivs darin, zu systematisieren und die „wilde“ Ordnung der Künstlerin in überschaubare Felder zu überführen. Wie das geht? Ein großes Diagramm dominiert den Raum. Eingekreiste Begriffe wie „Zeichnungen“, „Notizen“, „Vorlesungen“, „Pamphlete“ flottieren darin, Pfeile verweisen wiederum auf die Erfassungstechniken. Geradezu rührend liest sich das beigefügte Zitat der Künstlerin selbst, die sich an ihr erstes eigenes Archiv aus Kindheitstagen erinnert. Damals baute sie aus Fotos ihres im Krieg gefallenen Vaters einen Altar, um sich an ihn zu erinnern.

Die Medienkünstlerin Valie Export, geboren 1940 in Linz.

Auch die Besucher der Ausstellung „Forschung – Archiv – Werk“ begeben sich auf eine Zeitreise. In den Vitrinen befinden sich Kataloge, Drehbücher, Filmplakate, Fotografien, Briefe, Kontaktabzüge; sie lassen erahnen, wie vielfältig das Schaffen der Künstlerin ist. Berühmt wurden auch ihre „Körperkonfigurationen“ der Jahre 1972 bis 1982, bei denen sie den Stadtraum mittels ihrer eigenen Physis durchmisst. Mal umgreift sie hockend eine Häuserecke, mal liegt Export quer auf einem Weg oder kopfüber eine Treppe herunter. „Ich wollte damit auch einen psychischen Zustand darstellen, mich präsentieren als Gefangene meiner Zeit“, erklärte sie später.

Das ging so weit, dass sich Export Strapsknöpfe auf den Oberschenkel tätowieren ließ – als Zeichen der Zurichtung des weiblichen Körpers. In der Ausstellung ist ein Foto davon zu sehen. Gemeint war das als Kampfansage, ähnlich wie der 1967 angenommene Künstlername. Valie ist die Kurzform von Waltraud, „Smart Export“ war die Zigarettenmarke, die sie damals rauchte. Das passte zu der sendungsbewussten jungen Künstlerin, die ihre Gedanken exportieren wollte: „Raus aus dem Hafen“.

Export stellte sich auf das digitale Zeitalter ein

Wie erfolgreich sie mit ihrer Botschaft war, auch davon erzählt die Schau im Kunstverein. In den Vitrinen liegen Ankündigungen von Ausstellungen aus wie jener in der Galerie Nächst St. Stephan im Jahr 1975, mit der Export „Feminismus: Kunst und Kreativität“ zu erfassen versuchte. Zehn Jahre später folgt der nächste Überblick mit „Kunst mit Eigen-Sinn“ im Museum Moderner Kunst. Gleich neben dem Katalog befindet sich die getippte Teilnehmerliste, darunter Maria Lassnig, Yoko Ono, Helke Sander, Carolee Schneemann: das Who-is-who feministischer Künstlerinnen.

Als sich Ende der Achtziger die mediale Landschaft ändert, das digitale Zeitalter beginnt, stellt sich Export auch darauf ein und untersucht das deformierte Selbst. Es entstehen Fotomontagen junger Frauen, über deren Gesichter sich Treppenstufen, Häuserecken, Frontscheiben von Autos legen. Ging sie einst selbst raus in die Stadt, verwächst nun der urbane Raum auf erschreckende Weise direkt mit dem Menschen.

Was einer sein könnte oder wirklich ist, spielt Alicja Kwade parallel im NBK-„Showroom“ mit ihrer Ausstellung „Being…“ durch. Die Berliner Künstlerin imitiert die Schriften berühmter Persönlichkeiten auf der Grundlage von Briefen, die sie erworben hatte. Anschließend legte sie die nun von ihrer Hand geschriebenen Briefe einem Graphologen vor, der ahnungslos ein Mixtum aus ihrer eigenen und einer fremden Person analysierte. Konstrukte sind wir alle, das dürfte auch Valie Export bestätigen.

NBK, Chausseestr. 128/129, bis 12. August; Di bis So 10 – 18 Uhr

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