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Kultur - 17.06.2019

„Ich will ehrlicher sein als je zuvor“

Pop und Disco statt Jazzstandards: Der britische Pianist Jamie Cullum im Gespräch über sein neues Album, seine Einflüsse und den Brexit.

Jamie Cullums neues Album „Taller“ erscheint bei Universal.

Mister Cullum, der Titel ihrer neuen Platte lautet „Taller“. Wünschen Sie sich manchmal, Sie wären größer?

Ich hatte mir schon beim Schreiben des Songs gedacht, dass diese Frage aufkommt. Und: Nein, nicht wirklich. Ich wurde zwar mein ganzes Leben sanft getriezt wegen meiner Körpergröße, doch ich ärgere mich schon lange nicht mehr darüber. Trotzdem kam das Thema wieder auf, als ich meine Frau Sophie Dahl geheiratet habe, die sehr groß ist. Der Song handelt davon, zu akzeptieren, wie man ist, und in einer Beziehung zusammen zu wachsen, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ich werde dieses Jahr 40, ein Alter, in dem anfängt, mehr zu reflektieren.

Die letzten Jahre waren sehr turbulent für Sie. Wie hat das die Entstehung des Albums beeinflusst?
Viele kleine Dinge sind passiert, die zusammen zu gewaltigen Dingen wurden. Ein sehr enger Freund ist schwer krank geworden, im Familien- und Freundeskreis gab es Beschwerlichkeiten, Menschen haben sich zerstritten. Meine zwei Kinder wurden älter, wir mussten umziehen. An einem Punkt waren alle diese Geschehnisse zusammen für mich sehr überwältigend. Viele Musiker sagen sich, wenn sie solch eine intensive und herausfordernde Zeit erleben: „Das kann ich für meine Musik großartig nutzen.“ Doch wenn man das tut, stellt man sich nicht wirklich der schwierigen Situation. Man kann nicht von ihr lernen und aus ihr wachsen.

Heißt das, Sie mussten sich auf Ihr Privatleben konzentrieren und ihre Karriere eine Zeit lang in den Hintergrund stellen?
Genau. Deswegen hat es mit der neuen Platte auch einige Jahre gebraucht. Ich habe mir mein ganzes Leben über stets Druck gemacht, neue Musik zu veröffentlichen, und habe meine persönliche Bestätigung aus dem Erfolg genommen. Was ich in den letzten Jahren gemerkt habe, ist, dass es wie eine Superkraft ist, seine Sorgen und Ängste zu teilen. Man gibt Ihnen weniger Kraft, wenn sie da draußen sind. In Großbritannien sprechen wir in letzter Zeit viel mehr über psychische und seelische Gesundheit, besonders unter Männern. Das war vor zehn Jahre noch ganz anders. Ich glaube, es ist sehr wichtig.

Ist Ihre Musik politisch?
Ich bin nicht so gut darin, meine Musik zu kategorisieren. Es gibt bestimmt Aspekte meines neuen Albums, die politische Themen berühren.

In dem Song „The Age of Anxiety“ äußern Sie sich recht deutlich: „Hier kommt euer Abgang aus Europa, mit Asylsuchenden auf eurem Dachboden“ singen Sie da. Was wollen Sie ausdrücken?
Für mich scheint es wie ein Widerspruch, ein Projekt wie die europäische Union – das nach einem grauenhaften Krieg Frieden nach Europa bringen wollte – jetzt aufzukündigen. Großbritannien ist auf vielen Fundamenten gebaut. Eins davon ist mit Sicherheit der Einfluss anderer Kulturen. In dem Hinterzimmer jedes Geschäfts in London arbeiten Leute aus der ganzen Welt, oft für deutlich niedrigere Löhne. Das ist Teil der gesellschaftlichen DNA. Ich wollte in der EU bleiben, aber ich versuche, den Leuten zuzuhören, die dagegen gestimmt haben, statt ihnen vorzuwerfen, dass sie keine Ahnung haben.

Ihr letztes Album „Interlude“ war akustisch geprägt. Sie saßen am Klavier, nahmen Jazz-Standards auf. „Taller“ klingt ganz anders, hat Pop,- Disco- und Gospeleinflüsse. Wie kam es dazu?
Auf „Interlude“ konnte ich den Teil von mir ausleben, der mit anderen Jazzmusikern spielt und Standards singt. Das neue Album geht in eine andere Richtung: Es zeigt mich als einen Songwriter. Ich glaube, es ist mein Recht, das zu machen, was ich möchte. Meine Idee für „Taller“ war, ehrliche Songs mit Texten zu schreiben, die kraftvoller sind als alles, was ich zuvor gemacht habe. Bei vielen der Stücke habe ich mit den Texten begonnen – so hatte ich nie zuvor Songs geschrieben. Ich hoffe, dass man mich nach dem Hören vom „Taller“ besser kennt als vorher.

Lassen sich diese beiden Rollen – Jazzmusiker und Singer-Songwriter – gut vereinen?
Ich glaube, als Jazzmusiker hat man einfach mehr Farben in seinem Malkasten. Doch nur weil man sie hat, heißt es nicht, dass man sie auch benutzen muss. Letztlich kommt es darauf an, ob du etwas Ehrliches ausdrückst, alles andere ist zwecklos. Nehmen wir „A Love Supreme“ von John Coltrane und „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana: Beide Stücke sind ein unverfälschter Ausdruck dessen, was eine Person in ihrem tiefsten Inneren erlebt. Ob man dafür alle Akkorde nutzt oder nur zwei Akkorde, ist schlussendlich egal.

Derzeit gibt es eine spannende neue Generation von Jazzmusikerinnen und -Musikern. Die Londoner Szene ist besonders lebendig. Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Die Jazzszene, besonders in England, fliegt zurzeit nur so dahin. Ich glaube, es hilft, nicht aus den USA zu kommen. Denn das kulturelle Erbe des Jazz in den USA ist riesig, und viele erheben einen Anspruch auf diese Musik. Die neue Generation in England hingegen reflektiert ihre eigenes musikalische Aufwachsen ohne sich zu sehr einengen zu lassen: HipHop, UK Garage, Grime. Und auch der kulturelle Hintergrund, der oft nicht nur in England liegt, fließt in die Musik mit ein. Dieser Melting Pot war immer das Aushängeschild der Szene in Großbritannien. Und jetzt führt diese neue Generation auch junge Leute an die Musik heran. Das ist großartig.

Welche Musik hat Sie während der Arbeit an dem Album besonders geprägt?
Als ich den Song „You Can’t Hide Away From Love“ schrieb, hörte ich viel Randy Newman, seine Solo-Piano-Alben, und die Werke mit Streichern. Bei einem anderen Stück – „Life is Grey“ – war für mich die Musik von Bon Iver sehr prägend. Anders als viele meiner Kollegen konsumiere ich ständig Musik, kann aber im Nachhinein oft nicht genau festhalten, was mich wann geprägt hat. Kennen Sie „Steal Like An Artist“?

Sie meinen den Bestseller von Austin Kleon, der verspricht, unsere Kreativität neu zu erfinden?
Das ist so etwas wie meine Bibel. Ich füttere mich und meine Arbeit mit den Werken anderer: Ich lese ständig, höre ständig Musik, und es wirkt sich auf meine Arbeit aus. Aber ich habe keine Kontrolle darüber. Es ist wie eine Rückkopplungsschleife, die ich einfach zulasse, und genau das liebe ich. Songs zu schreiben ist wie ein Muskel, den man täglich trainieren muss, und im Moment sehe ich darin meine Hauptaufgabe. Wenn ich als Künstler zurzeit ein Ziel habe, dann das: Ergiebige Werke schaffen und ehrlichere Songs schreiben.

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