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Kultur - 17.06.2019

Ich instagrame, also bin ich

Madonna hat 14 Millionen Follower, schimpft aber über Instagram: die Menschen werden zu Sklaven ihrer eigenen Bilder.

Madonna bei der GLAAD Awards Verleihung in New York im Mai 2019.

Madonna gibt es eigentlich gar nicht, sie ist nur die beste Erfindung von Madonna Louise Ciccone. Und eine der vollkommensten Inszenierungen der Popkultur. So eine Marke will gepflegt sein – etwa via Instagram. Madonnas Account hat sensationelle 14 Millionen Follower, damit konnten und können Eindruck gemacht, Einfluss ausgeübt, Einnahmen realisiert werden.

Aber jetzt hat die „Queen of Pop“ genug vom Social Medium. „Ich denke, Instagram ist dafür gemacht, dass du dich schlecht fühlst“, sagte sie der „Sun“. Die Plattform würde ihre Nutzer zu Imagesklaven machen, die sie gar nicht sein wollten, ständig würde sich einer mit dem anderen vergleichen. Die Fotos, vor allem die Selfies müssten sich in einem sich immer weiter steigernden Wettbewerb um Schönheit, Einzigartigkeit, Staunen behaupten können. Du bist deine Insta-Story oder weniger bis nichts.

Inszeniere dich nicht, sei du selbst

Madonna ruft insbesondere die jungen Instagrammerinnen und Instagrammer zur Umkehr auf. Sei Du selbst und echt und nicht Deine inszenierte Echtheit. Die Künstlerin ist 60, sie überblickt ihre eigene Musik- und Mediengeschichte. Sie kann unterscheiden und entscheiden, Madonna kann raten und abraten.

Was aber davon kann für 16-Jährige taugen? Die Welt bietet sich mehr und mehr als Instragram-Inszenierung an. Hotels, Sehenswürdigkeiten, alles was Interesse auf sich lenken will, befördert seine nicht nur kommerziell gemeinte Instagramability. Es gilt, ein Motiv und Motive zu schaffen, damit es tausend- bis millionenfach Click macht. Hauptsache, es gibt eine Kulisse. Schaut her, wo ich bin, schreit dann das sorgfältig bearbeitete Foto nach Beachtung. Imponieren war immer schon, und nicht nur in der Adoleszenz, wichtig. Kann glücklich, kann unglücklich machen. Gehört zum Leben.

Phase des Selbstzweifels

Will Madonna, diese Meisterin der Selbstinszenierung, wirklich eine Rückbesinnung auf Punkt, Punkt, Komma, Strich? Ist vielleicht nur weitere Stufe der Madonna-Projektion, wo es früher zuvorderst um den Ausdruck ging, geht es jetzt um den Eindruck. Madonna scheint in der Selbstbefragungsphase, möglicherweise in den Phasen des Selbstzweifels angekommen zu sein. Der ESC-Auftritt war knapp vor der Blamage, das neue Album ist einfach nur das 14.

Ihre 14 Millionen Follower müssen – je jünger, je mehr – ihr Leben weiter als Fahndungs- und Experimentierfeld begreifen. Instagram kann dabei helfen. Du sollst Dir kein Bildnis machen? Doch, sollst Du. Erkennbar wird Individualität, der Entwurf eines Selbst, Exzentrik ist drin. Es geht um Kommunikation mit anderen wie um Kommunikation mit sich selbst. Instagramer werden insbesondere in ihren Selfies zu Detektiven, die eigene Emotionen, Ausdrucksmöglichkeiten und Qualitäten erforschen. Hat schon mal einer gezählt, wie viele Fotos auf Instagram nicht eingestellt werden? Eben.

Keine Warnsignale, keine Stoppschilder, kein Erwachsenen-Einwurf? Aber natürlich, in jedem Hype steckt die Gefahr des Unkontrollierten und Unkontrollierbaren. Ich instagrame, also bin ich? Eine schiere Übertreibung. Wie übrigens jenes Klohäuschen in Norwegen, das derart von Selfisten belagert wurde, das ein zweites daneben aufgestellt werden musste. Ein Klo ist ein Klo ist ein Klo. Was würde Madonna dazu instagramen?

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