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Kultur - 16.06.2019

Geschwindigst

András Schiff im Konzerthaus.

Innigst. Sir András Schiff.

Viele Veranstalter halten heute nichts mehr von der Parole „Stillsitzen und Zuhören“. Sie erproben neue Formate: Wandelkonzerte, Lunchkonzerte, Mitsingkonzerte, Konzerte unter Tage oder auf dem Wasser. Und doch: Das Konzert ist ein Konzert bleibt ein Konzert. Gleich dreimal hat Sir András Schiff das magische Wort auf seinen Programmzettel gesetzt. Und all diejenigen, die gekommen sind, um das Konzerthaus am Gendarmenmarkt bis auf schier den letzten Platz zu füllen, wollen genau das: still sitzen, Schiff zuhören. Es gibt keine Huster, kein Armreif klimpert, kein Gesums. Stattdessen: drei Stunden volle Achtsamkeit.

Das erste Konzert kommt ohne Orchester aus: Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert F-Dur BWV 971. Schiff trägt dieses schlechthinnige Pianistenwettwerbsstück vor auf seinem eigenen, alten Steinway vor, hammerflügeltrocken und nach geschwindigster Schiff-Manier leicht und im sempre non legato. Freilich mit überraschend üppig wuchernder Ornamentik, vielleicht, um daran zu erinnern, dass Bach diese fröhliche Virtuosenmusik eigentlich für zweimanualiges Cembalo gedacht hatte. Der Steinway steht schräg, der Pianist wendet der Hälfte des Publikum den Rücken zu. Beim zweiten Konzert des Abends muss Schiff nämlich dauernd aufstehen und dem Orchester zuwinken. Das Konzerthausorchester, bestens in Form, spielt Ludwig van Beethovens erstes Klavierkonzert C-Dur op.15 in Wiener Aufstellung. Das passt. Sicher kämen die Musiker in diesem kriegerisch-witzigen Werk auch gut ohne Schiffs Zwischendirigate zurecht! Doch nicht ohne seinen Furor, seine feinen Pointen, ohne die entschieden agogischen Impulse.

Einen Extraspaß erlaubt er sich in Takt 172 des ersten Satzes, als er, ins Moll entgleisend, auf dem Höhepunkt der Passage ein f spielt (statt des vorgeschriebenen fis), weil es so im Autograf geschrieben steht– alter Streitfall unter den Beethovenforschern. Niemand zuckt zusammen, alle lächeln: Schiff hat den „Fehler“ vorher erklärt. Als Zugabe, noch vor der Pause, serviert er traumhaft stilsicher vier Stücke aus der Partita B-Dur BWV 825. Das dritte Konzert ist Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ von 1944. Auch ein Repertoire-Paradepferd, ein wundersam tanzinspiriertes Plädoyer für musikalische Völkerverständigung. Freilich wächst, bei aller Perfektion im Detail, nichts so recht zusammen. Und Sir András folgt mit seinen seligen Winken stets der jeweiligen Oberstimmenmelodie, Klangbild und Struktur interessieren ihn weniger. Trotz alledem: Dankbarer Jubel.

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