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Kultur - 2 Wochen ago

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Ziemlich beste Freunde: Gabriele Climas Roman „Der Sonne nach“.

Geschichte eienr ungewöhnlichen Freundschaft.

Es braucht gerade einmal drei, vier der36 Kapitel dieses schlanken Romans, um zu erkennen, dass man es mit einer Kinder-und-Jugendbuch-Variante des französischen Erfolgsfilms „Ziemlich beste Freunde“ zu tun hat – so wie es auch hinten auf dem Cover von Gabriele Climas „Der Sonne nach“ zielbewusst verkündet wird.

Da ist zum einen der 16-jährige Dario, dem in der Schule von Lehrerinnen wie Direktorat häufig gesagt wird, was für eine Niete er ist. Der sich dementsprechend verhält – und dem eines Tages vier Stunden ehrenamtliche Pflegebegleitung aufgebrummt werden. Und da ist Andy, der ebenjener Pflegling von Dario wird. Andy sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen, eine „merkwürdige Gestalt“, wie Dario bei ihrer ersten Begegnung findet, „sie bewegte sich nicht, sah ihn schief von der Seite an, mit verdrehten Augen, als ob sie etwas suchte, was die anderen nicht sahen. Der Junge wirkte wie ein geknickter Blumenstängel. Was konnte so ein Halbidiot in einem Rollstuhl schon brauchen?“

Gabriele Clima, 1967 geboren, einer der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren Italiens, hat darauf verzichtet, die Krankheit zu benennen, unter der Andy leidet. Das fällt überhaupt nicht weiter ins Gewicht, umso nachdrücklicher kann sich die Beziehung von Dario und Andy entwickeln. Dario hat keine Berührungsängste. Sprachlich nicht: Das „Idiot“ geht ihm locker von den Lippen, ohne dass er das so meint. Vor allem aber im Umgang mit Andy nicht: Er behandelt ihn nicht wie dessen Stammpflegerin Elisa, nämlich wie einen Dreijährigen („Aufpassen mit den Händchen!“), sondern wie seinesgleichen („Wenn ich mir beide Beine breche, werde ich dann etwa schwachsinnig?“). Halt wie jemanden, der in die Sonne will, Musik mag, gern tanzt und Spaß beim Durch-die-Gegend-fahren oder Schaukeln hat.

Im Zug nach Süden

Es ist bemerkenswert, wie Clima in seinem Roman den Freiheitsdrang des einen Jungen mit dem des anderen, der das nicht in dem Maß artikulieren kann, verknüpft; und auch, wie er das unaufdringlich poetisch, ohne große Anstrengungen macht, was „Der Sonne nach“ nicht zuletzt 2017 den Andersen Prize für das beste Jugendbuch eingebracht hat. Natürlich kommt Dario, das eine oder andere Jugendbuchklischee muss sein, aus einem zerbrochenen Elternhaus, sein Vater hat die Familie verlassen. Und natürlich hat er den pubertären Eindruck, die ganze Welt habe sich gegen ihn verbündet. Wogegen oft nur ein Zug aus einem Joint hilft: „Lasst mich einfach so. In Ruhe. Ihr alle.“

Man könnte sagen, Andy kommt Dario gerade recht. Unversehens sitzen beide in einem Zug gen italienischen Süden und Meer, der Sonne entgegen, so wie es der Titel will. Das im Übrigen nicht ganz ziellos: Dario will seinen Vater treffen, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat. So entwickelt sich dieser Roman über einen behinderten Jungen nebenher zu einem kleinen Roadroman, der Andy und Dario zusammenschweißt und auch Spannung verheißt: Wie wird wohl das Wiedersehen von Vater und Sohn verlaufen? Clima hat schöne Einfälle: Die beiden Jungs bekommen ein „Rakmobil“, das ihnen ein Mann bastelt, einen Rollstuhl mit Motor. Auf einer Teenieparty werden sie zu Ehrengästen und haben ihren Spaß. Oder Andy bekommt einen blauen Stein von einem Mädchen geschenkt, eine Art Talisman, der wie eine blaue Katze aussieht.

Manchmal hat man den Eindruck, die Welt ist eine Idee zu ideal, so wie sie hier rüberkommt. Nicht nur, dass die meisten Menschen, denen Dario und Andy begegnen, ungezwungen mit ihnen umgehen. Nein, Andy macht viele Fortschritte: vom Glas, das er zu greifen versucht, bis hin zum selbstständigen Essen. Clima gesteht in seiner Danksagung aber auch, sich die Geschichte nicht ausgedacht zu haben. Sein Andy besitzt ein (inzwischen verstorbenes) reales Vorbild, ein Junge, der bewiesen hat, so Clima, „dass es bei einer Behinderung keine starren Grenzen gibt – und diese jedenfalls dehnbar sind“. Gabriele Clima hat diese Grenze kongenial ins Fiktive gedehnt. Solcher Art von „Ziemlich beste Freunde“-Coverversionen kann es gar nicht genug geben.

Gabriele Clima: Der Sonne nach. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt. Hanser Verlag, München 2019. 156 Seiten. 14 €. Ab 14 Jahren.

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