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Kultur - 16.06.2019

Ein Stück fürs Glück

Ohne Skript, von Oma finanziert: Philipp Eichholtz und sein Film „Kim hat einen Penis“.

Volle Kraft voraus. Kim (Martina Schöne-Radunski) hat die Langeweile satt. Sie verändert kurzerhand ihren Körper.

Kim sitzt auf der Couch und guckt ihren Arzt mit großen Augen an. „Ich hätte gerne einen Penis.“ Mit so einem Satz fangen im deutschen Kino eigentlich schlechte Komödien an. Glücklicherweise gibt es zwischen der hiesigen Filmbranche und dem Selfmade-Regisseur Philipp Eichholtz kaum Berührungspunkte. Eichholtz hat weder eine Filmhochschule besucht, noch liegt er dem Steuerzahler mit Fördergeldern auf der Tasche.

„Kim hat einen Penis“ ist sein vierter Film in fünf Jahren, alle mit privaten Darlehen finanziert. Drehbücher gibt es keine, nur mehrseitige Treatments. Die Mangelwirtschaft merkt man Eichholtz’ Filmen an. Aber wo die deutsche Komödie am handwerklichen Humordilettantismus krankt, entwickelt „Kim hat einen Penis“ trotz seines plakativen Titels eine unterschwellige Lakonie.

„German Mumblecore“ ist als Bezeichnung für dieses Do-It-Yourself-Filmemachen hängengeblieben, nach der gleichnamigen amerikanischen Indie-Bewegung der frühen 2000er-Jahre. In Deutschland sind Axel Ranisch („Alki Alki“) und Jakob Lass („Love Steaks“) die bekanntesten Vertreter: Ersterer hat bereits einen „Tatort“ ohne Skript gedreht, Lass realisiert seine Guerillafilme heute etwas höher budgetiert für die Produktionsfirma Constantin. Eichholtz hat auch schon eine RTL-Krimiserie im Portfolio – „die nach der ersten Staffel eingestellt wurde“, wie er anmerkt – und einige Musikvideos für die Ostrocker Karat. Trotzdem empfindet er es als mühselig, aus der Nische herauszukommen. Seinen Freund Axel Ranisch nennt er in der Hinsicht ein Vorbild, Kim-Darstellerin Martina Schöne- Radunski spielte zuletzt in Lass’ „So was von da“ die Hauptrolle. Man kennt sich, die Szene ist klein.

Netflix wurde 2016 auf Eichholtz aufmerksam

„Uns verbindet weniger die Impro-Methode als der Antrieb, einfach zu machen“, erzählt Eichholtz beim Treffen in einem Kreuzberger Café. „Statt darauf zu warten, dass dir jemand Geld für ein kleines Fernsehspiel gibt.“ Martina Schöne- Radunski spielte bereits in seinem zweiten Film „Luca tanzt leise“ die Hauptrolle, durch den 2016 auch Netflix auf Eichholtz aufmerksam wurde. Vertrauen ist wichtig, wenn man unter Zeitdruck ohne Netz und doppelten Boden dreht. Die Rollenverteilung zwischen Schöne- Radunski und ihm ist klar: Sie darf vor der Kamera frei improvisieren, er muss ihre gelegentlich erratische Performance, die auch als Sängerin der furiosen Berliner Punkband Cuntroaches nur zu empfehlen ist, kanalisieren.

Regisseur Philipp Eichholtz.

Dass man bei Schöne-Radunski nie weiß, was einen erwartet, passt insofern zu der Lebensabschnittsneurose, die Kim lähmt. Die junge Pilotin steckt in einer Sinnkrise: Die Beziehung mit dem etwas drögen Andreas (Christian Ehrich) ist eingeschlafen, ihr Bruder schwatzt ihr ein Haus im Berliner Umland auf. Geile Investition, klar. Aber soll das alles sein, was sie vom Leben zu erwarten hat? Bei einer Zwischenlandung in der Schweiz entscheidet sich sie spontan für eine neue Behandlungsmethode, die „Smooth Gender Transition“. Kim lässt sich einen Penis machen. Keine Geschlechtsanpassung, kein „Gender Trouble“. Der voll funktionstüchtige Schwanz soll ihr bloß zu einer neuen Perspektive verhelfen.

Alltagslakonie ohne Kalauer

Dass sich Eichholtz mit so einer Thematik auf dünnes Eis begibt, war ihm gleich klar. „Ich bin anfangs beim Schreiben sehr verkopft vorgegangen, um unbewusste Fehltritte zu vermeiden“, lacht er. „Als dann mit Martina und Maxi (Ann.: Rosenheinrich) zwei Schreiberinnen an Bord kamen, wurde es entspannter. Die gingen mit dem Thema viel unverkrampfter um, das hat der Geschichte eine spannende Dynamik gegeben.“ Die Reaktionen in Kims Freundeskreis sind geteilt: Andreas zeigt sich von dem Alleingang nicht begeistert, dessen Ex Anna (Stella Hilb), die nach der Trennung von ihrem Freund kurzfristig bei Kim und Andreas eingezogen ist, findet’s super. Aber neue Perspektiven zeigt auch der anatomische Zuwachs nicht auf, im Gegenteil weiten sich die zwischenmenschlichen Komplikationen zu einer Beziehungskrise aus.

„Kim hat einen Penis“ sondiert das potentielle Minenfeld äußerst umsichtig und vor allem kalauerfrei. An Eichholtz’ Alltagslakonie perlt die Versuchung, die Geschichte durch Zotigkeit ins Lächerliche zu ziehen, ab. Wenn überhaupt macht sich der Film mit seinem skurrilen Anarchismus ein ganz klein wenig über die Gewissheiten bürgerlicher Hetero-Lebensmodelle lustig – ohne dabei über die Stränge zu schlagen. Schließlich wurde auch „Kim hat einen Penis“ von Oma gefördert, so der Name von Eichholtz’ Produktionsfirma. Die Oma ist inzwischen 88 und Unterstützerin der ersten Stunde. Wohl nicht von ungefähr wirken alle seine Filme ein wenig gediegen um die Ecke gedacht, am ehesten fällt einem als Vergleich Lisa Millers queerer Neuer Heimatfilm „Landrauschen“ ein. Natürlich schätzen sich auch Eichholtz und Miller. Dieses deutsche No-Budget-Kino ist fast zwangsläufig ein kleines Soziotop.

Der Film dient als Übergang zu etwas Neuem

Fragt sich nur, wo für diese Filme in Zukunft noch Platz sein wird. Eichholtz konnte seine ersten Werke früh an Netflix verkaufen – da hatte er die Hoffnung auf deutsche Fördermittel schon aufgegeben, war aber gerade auf der Liste der zehn hoffnungsvollsten europäischen Talente im US-Branchenblatt „Variety“ gelandet. „Kim hat einen Penis“ ist erzählerisch der nächste Schritt für Eichholtz. Er hat sich seinen unberechenbaren Charme bewahrt, aber das Improvisierte drängt sich inzwischen weniger auf. „Es ist mein „Übergangsfilm“, sagt er über „Kim“. In dem Satz steckt das Versprechen, dass mit ihm weiter zu rechnen ist. Das schwierige Genre der deutschen Beziehungskomödie ist mit „Kim hat einen Penis“ jedenfalls schon mal um eine Attraktion reicher (der Film läuft im Cineplex Neukölln, Lichtblick, Sputnik, Zukunft).

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