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Kultur - 15.06.2019

Die Unabhängige

Elfie Semotan hat den weiblichen Blick in die Werbe- und Modefotografie getragen. Nun widmet C/O Berlin der Österreicherin eine Retrospektive.

Elfie Semotan porträtierte sich im Jahr 2000 in einem Anzug ihres Freundes Helmut Lang.

Wo steckt sie denn nun, die gestrenge Frau? Die kühle Aura der weltbekannten Fotografin müsste sich doch langsam erspüren lassen. Das abweisende Selbstporträt in Schwarz-Weiß, das sie als erstes geschickt hat, spricht jedenfalls von einem starken Bedürfnis nach Distanz. Die Elfie Semotan aber, die nun umringt von Leuten im Obergeschoss des Amerikahauses in den Blick kommt, ähnelt der von ihr fotografierten dann so gar nicht. Und das liegt nicht am Kopfbrust-Ausschnitt. Die 1941 geborene Frau trägt Birkenstocks an den Füßen, zwei Brillen um den Hals, Grau auf dem Kopf und ist mit einem überraschend nahbaren Wesen und österreichischem Charme gesegnet. Und mit richtig kräftigen Händen.

Elfie Semotan ist Profi, die Wirkung ihrer Selbstporträts ist mit Bedacht gewählt. Fotografen versuchten von älteren Frauen meist nette Fotos zu machen und an Schönheit rauszuholen, was noch geht, sagt sie. „Das hat natürlich mit der Stellung zu tun, die der älteren Frau zugewiesen wird. Und die bin ich nicht gewillt, einzunehmen.“

Ein Credo ihrer mehr als 40 Jahre umfassenden Karriere lautet: Stereotype? Nicht mit mir. Nicht umsonst lautet der Titel der umfassenden Retrospektive, mit der C/O Berlin die Grenzgängerin zwischen Kunst und Kommerz würdigt, „Contradiction“ (bis 7. September, tgl. 11–20 Uhr, Katalog, Hatje Cantz Verlag: 48 €). Elfie Semotans Fotografien stehen schon seit den siebziger Jahren im Widerspruch zur von männlichen Sichtweisen dominierten Ästhetik der Werbe- und Modefotografie. Wobei Letztere ja bereits seit den 20er Jahren den Schulterschluss zur künstlerischen Fotografie sucht, wofür auch Semotans Werk steht.

Sie habe die meisten ihrer Serien gegen den Willen und die Erwartungen der Leute fotografiert, sagt die Fotografin und hält in der Ausstellung ständig bei einem neuen Beispiel an. Bei Claudia Schiffer etwa, die sie bei einem Modeshooting 1999 in New York nicht als sexy Blondine inszeniert, sondern – inspiriert von Fotografien des Künstlerpaars Anna und Bernhard Blume – als übermütige junge Frau, die Kartoffeln in die Luft schmeißt. Bei der Idee hätten die Auftraggeber ganz schön geschluckt. Warum? „Viel zu wenig glamourös für Mode!“

Schönheit kann Witz haben

Den Vorwurf hat sie oft gehört. Wie es so geht, wenn eine Fotografin mehr daran interessiert ist, eine Geschichte zu erzählen und Charaktere abzulichten, als ein Produkt in glatt gebügelter Schönheit darzustellen. So wie in der Serie „TV-Story“, die 2003 im britischen „i-D Magazine“ erschien. Da wird die Mode zum Suchbild, die die Fotografin gewissermaßen auf die Fernseher in tristen Hotelzimmern appliziert. Schaut man genau hin, sind die Models samt ihren Kleidern gut zu sehen, nur eben viel kleiner und ironisch eingerahmt.

Gegenüber hängt Semotans Reaktion auf den Auftrag, ein „Kleines Schwarzes“ in Szene zu setzen. „Im Audrey-Hepburn-Stil wie in dem Film ,Frühstück bei Tiffany‘ – zum hundertsten Mal“, seufzt sie und rollt ob so viel Einfallslosigkeit noch 20 Jahre danach die Augen. Nur gut, dass sie kurz zuvor eine Choreografie von Pina Bausch gesehen hat. Davon inspiriert bittet sie das Model, im schwarzen Kleid auf einem weißen Boden herumzurollen. Schönheit kann Witz haben. Und ein Model muss kein Objekt sein.

Das weiß niemand besser als Elfie Semotan, die mit 14 Jahren aus der oberösterreichischen Provinz nach Wien kam, um an der Modeschule Hetzendorf Designerin zu werden. Mit dem Abschluss in der Tasche geht sie nach Paris und wird, wie sie in ihrer Biografie „Eine andere Art von Schönheit“ erzählt, vom Fleck weg für Modeschauen engagiert. Sie reüssiert in den Swinging Sixties – sehr schmal, sehr cool, sehr brünett – auch international als Mannequin. Hinter die Kamera holt sie ihr damaliger Lebensgefährte John Cook, ein kanadischer Filmemacher, den sie im Amerikahaus in einer Schwarz-Weiß-Serie als romantischen Naturburschen mit Bart und Pelz verewigt hat. Ihren beiden früh verstorbenen Ehemännern, den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger, und dem langjährigen besten Freund Helmut Lang, seines Zeichens ebenfalls Künstler und Modeschöpfer, ist ein eigener Raum gewidmet. Dort hängt auch die von ihr fotografierte, sturzkomische Kippenberger-in-Venedig-Serie „Frieda für alle“ von 1996.

Entdeckung des Imperfekten

Sich von diesen Berühmtheiten künstlerisch und privat abhängig zu machen, ist Elfie Semotan nie eingefallen. „Ich wollte immer unabhängig sein, arbeiten, fotografieren, mich weiterentwickeln.“ Darin hätten sie sowohl die Ehemänner als auch der Freund stets bestärkt. So manches ihrer frühen Stillleben, die Schattenspielen gleichen, hat sie fotografiert, wenn ihre Söhne schliefen. In Italien oder daheim in Jennersdorf im Burgenland, wo sie neben Wien und New York ihre Wohnsitze hat.

Ihre Künstlerporträts und Modestrecken, die von „Vogue“ bis „Harper’s Bazaar“ überall abgedruckt wurden, haben zweifellos zu einer veränderten Ästhetik beigetragen, zur Entdeckung des Imperfekten in der auf Jugend und Makellosigkeit getrimmten Welt der Hochglanzmagazine. Sie fotografiert Schmuckstücke auf runzliger, von Altersflecken bedeckter Haut. Seziert „Male Gestures“ in einer Reihe, in der das zierliche Model Shalom Harlow Männerposen persifliert. Und rechnet in dem ironischen Zyklus „Hysteria“ (2004) mit Udo Kier als Darsteller mit dem Neurologen Jean-Martin Charcot ab, der im 19. Jahrhundert junge Frauen als angebliche „Hysterikerinnen“ zur Schau stellte. Der Schauspieler habe gern in der Rolle des Manipulierers posiert, erzählt die Fotografin, die stets die Verbindung zu den Menschen vor ihrem Objektiv sucht.

Alte Frauen wollen charmant oder nützlich sein

„Die Models haben mich geliebt“, sagt Elfie Semotan. „Manche sagen sogar: Du warst die Erste, die mich wie ein Mensch behandelt hat.“ Also ganz normal, ohne sie zu etwas zu zwingen. „Ich halte mehr vom Ermutigen, davon, den Menschen vor der Kamera Sicherheit zu geben.“ Und Selbstbewusstsein. Oft fragt sie Freunde, Verwandte oder Mitarbeiter, ob sie mitmachen. Das lief schon bei ihrer legendären Werbekampagne für das Mineralwasser Römerquelle mit dem Slogan „belebt die Sinne“ in den 70ern so. Da brachten die eigenen Künstlerfreunde die bohemehafte Ausstrahlung in die von ihr als immer neue Ménage-à-trois inszenierten Fotos.

Semotan selbst hat in ihrer Zeit als Mannequin zweimal unerfreuliche Episoden erlebt, die heute die MeToo-Bewegung interessieren würden. Das habe sie aber effizient selbst erledigen können, sagt sie und fühlt sich trotz allem feministischen Interesse am Thema nicht kompetent, die Abhängigkeitsverhältnisse in der Modeszene von heute zu kommentieren. Da seien die Räume inzwischen so begrenzt, dass es sie langweilt, Mode zu fotografieren. Stillleben interessieren die unermüdlich durch die Räume stapfende Fotografin inzwischen viel mehr. „Man ist allein mit sich und den Gegenständen.“

Es sei denn, es kommt – wie 2015 geschehen – ein Auftrag von Zalando herein. Als Modelle waren drei große Damen gebucht: Senta Berger, Christiane Hörbiger und die jüngst verstorbene Hannelore Elsner. „Ich habe sie mir als Kämpferinnen vorgestellt, die versuchen, als Schauspielerinnen weiter dabei zu sein und ihr Bestes zu geben. Aber ich habe absolut keine Notwendigkeit gesehen, sie nett darzustellen.“ Schließlich dürften alte Männer dick sein und grimmig dreinschauen, und trotzdem seien alle von ihnen beeindruckt. Und alte Frauen? „Die wollen charmant oder nützlich sein.“ Auf dem zweiten Selbstporträt, das sie einige Stunden später schickt, spielt der Hauch eines Lächelns um ihren Mund.

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