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Kultur - 08.06.2019

Die Stimmen des Urwalds

Vom Naturgemälde zur Klimakatastrophe: Die Akademie der Wissenschaften feiert Alexander von Humboldt – dort, wo er vor 250 Jahren geboren wurde.

Ein aztekischer Adler zu Besuch auf der Museumsinsel.

Die Letzten werden wohl die Ersten sein. Wenn das Deutsche Historische Museum ab 22. November seine Ausstellung über die Brüder Humboldt zeigt, geht das Humboldt-Jahr – mit Alexanders 250. Geburtstag am 14. September – schon zur Neige. Das Humboldt Forum aber wird 2019 nicht mehr ordentlich eröffnen, wahrscheinlich überhaupt erst nächstes Jahr. Das DHM bewahrt Berlin vor der Peinlichkeit, im Jubeljahr des großen preußischen Alexander nichts Anschauliches auf die Beine gestellt zu haben.

Die Sache ist auch noch aus einem anderen Grund delikat. Bénédicte Savoy und David Blankenstein kuratieren die Schau über Alexander und Wilhelm im Untergeschoss des Museums – und Bénédicte Savoy zählt zu den scharfen Kritikern des Humboldt Forums, was den Umgang mit Artefakten aus der deutschen Kolonialzeit betrifft.

Savoy und Blankenstein haben bereits 2014 im Observatoire de Paris eine schöne Humboldtiade organisiert, „Les frères Humboldt. L’Europe de l’esprit“. Im DHM wollen sie Geschichte und Biografien über Objekte erzählen, zum Beispiel über die Quadriga und das Brandenburger Tor. 1806 wurde sie von den Franzosen, die Berlin besetzt hatten, demontiert und nach Paris gebracht. Nach der Niederlage Napoleons spürten die Preußen ihre Pferde in einem Depot des Louvre auf. Beim Abtransport und bei der Rückkehr des Wahrzeichens spielte Alexander von Humboldt eine diplomatische, in den Augen mancher auch vaterlandsverräterische Rolle. Er lebte über zwanzig Jahre in Paris, dort fühlte er sich zu Hause, in Berlin eigentlich nie wirklich.

Der internationale Adel der Humboldt-Forschung

Das eingespielte Humboldt-Duo Savoy und Blankenstein hat sein Konzept bei der Tagung „Alexander von Humboldt – Die ganze Welt, der ganze Mensch“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt, die am Freitagabend zu Ende ging. Es war hierzulande die zentrale Konferenz im Humboldt-Jahr, eine Kooperation der BBAW mit der Alexander von Humboldt-Stiftung, dem Iberoamerikanischen Institut und der Universität Potsdam. Große Hitze, tropische Regengüsse: Es herrschte Humboldt-Wetter, wie Tobias Kraft von der Akademie bemerkte.

Im Leibnizsaal am Gedarmenmarkt, wo Alexander von Humboldt (1769– 1859) vor einem Vierteljahrtausend geboren wurde, versammelte sich der internationale Adel der Humboldt-Forschung. Bei solchen Gelegenheiten kann der Gebildetste noch lernen, dass sinnliche Betrachtung und Wissenschaft einander nicht ausschließen, dass Empathie und Empirie zusammengehören. Der Name Humboldt wirkt enzyklopädisch. Das reicht von der Entstehung der Welt, wie wir sie kennen, wenn Ulrich Päßler über Humboldts berühmte Forschungen zur „Geographie der Pflanzen“ referiert, also die Verbreitung und Migration der Flora weltweit, bis zur Zerstörung der Natur durch menschlichen Einfluss im 21. Jahrhundert.

Hans Joachim Schellnhuber geht aufs Ganze

Humboldt wird jetzt viel zitiert. Und Hans Joachim Schellnhuber versteht es dann, aufs Ganze zu sehen und zu gehen. Er entwirft kühl – „Vom Kosmos zur Erdsystemananalyse“ – das Szenario der Klima-Apokalypse und erinnert an Humboldts frühe ökologische Erkenntnisse, bevor es den Begriff Ökologie überhaupt gab. Und wenn alles offenbar zu spät ist und die Indikatoren auf Alarm stehen, unumkehrbar, wenn die Daten ins Finstere kippen, findet der Potsdamer Klimaforschungspionier etwas Aufhellendes. Mit dem Wissen komme Verantwortung, das habe Humboldt gewusst und praktiziert, „und das brauchen wir heute sehr“.

Schellnhuber sagt: „Wir erleben eine zweite kopernikanische Wende. Wir blicken auf die Erde und begreifen sie als ganzen Organismus“. Was natürlich auf Humboldts berühmte Formel „Alles ist Wechselwirkung“ zielt. Ottmar Ette, Initiator der Tagung und Projektleiter des Forschungsvorhabens „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ ist, wenn Schellnhuber auf dem Panel den Mephisto gibt, der Dr. Faust. Immer unterwegs mit Humboldt-Narrativen, auf der Suche nach der „Konvivenz“ von Naturwissenschaft und Kultur. Er sieht Humboldt als „glücklichen Revolutionär“, oder soll man sagen, realistischen Träumer? Ette ahnt, dass eine große Umwälzung bevorsteht, dafür lohne die Beschäftigung mit Humboldt. Der lebte in vulkanischer Zeit und war ein begnadeter Vortragskünstler.

Auch das kann man bei Humboldt lernen. Wer etwas zu sagen hat, wer komplexe Zusammenhänge vermitteln will, muss dafür die Sprache und das Sprechvermögen besitzen. Womit wieder der Zusammenhang von Wissenschaft und Ästhetik, Natur und Kunst hergestellt ist.

Jahrzehnte lag er verschüttet unter schlechten Buchausgaben

Neuerdings spricht auch die Politik viel von Humboldt. Es ist bald schon verdächtig, wie das modisch um sich greift, nachdem er Jahrzehnte verschüttet lag unter schlechten Buchausgaben und einer Rezeptionsgeschichte, die so kompliziert erscheint wie keine zweite. Am Beispiel der „Vues des Cordillères“, der Beschreibungen von Naturdenkmälern, Kulturbauten und Artefakten Lateinamerikas, kann Vera M. Kutzinski von der Vanderbilt University in Nashville zeigen, wie schwer Humboldt zu übersetzen ist – da er mehrsprachig schreibt und denkt, altamerikanisch-indigene Wörter mit altgriechischen Begriffen auf eine Stufe stellt, wenn es um Tempelanlagen geht.

Kutzinsky hat, in Zusammenarbeit mit Ottmar Ette, Humboldts Kuba-Buch aus dem Französischen, dessen Humboldt sich häufig bediente, ins Englische übersetzt. Im Deutschen liegt eine vergleichbar gute Ausgabe gar nicht vor. Das sagt viel. „Es gibt bei Humboldt keine Hauptstraße, nur viele Nebenstraßen und Wege mit Schlaglöchern.“ So beschreibt Kutzinsky Humboldts schriftstellerisches Werk. Ein produktiver Irrgarten. Das trifft auch auf eine Biografie zu, die hier mal wieder zu kurz gekommen ist. Der Mann bleibt ein Phantom.

Wie man ihn liest und welches Vergnügen das bereitet, führte Jürgen Trabant mit den „Ansichten der Natur“ vor, Humboldts beliebtestem Buch, erschienen 1807. „Das nächtliche Tierleben im Urwalde“ ist ein herrlicher Text, der seine Idee vom „Naturgemälde“ plastisch macht. Er malt mit der Sprache. Man liest und hört den Jaguar, die Affen, die Vögel, „das Schnarchen der Süßwasser-Delphine“. Zuvor schildert er den linguistischen Reichtum der Stammessprachen. So feiert Humboldt die „Vielstimmigkeit“ der Tierwelt und der menschlichen Bewohner dieser Gegenden am Orinoco, die er als einer der ersten Europäer bewusst bereist hat.

In dieser Vielstimmigkeit steckt schon unser neuer Begriff von Diversität. Bei Humboldt heißt das, gegen die Sklavenwirtschaft gerichtet, „Natureinheit des Menschengeschlechts“. So viele Themen warten hier auf das Humboldt Forum.

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