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Kultur - 08.01.2019

Die Schrift, die keiner lesen kann

Blick in den gestirnten Himmel: Die Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg präsentiert den Maler Max Ernst als „Zeichendieb“.

Wenn die Fantasie Flügel bekommt. Max Ernsts Ölgemälde „L’oiseau rose“ (Der rosa Vogel) aus dem Jahr 1956.

Im alten Marstall gegenüber vom Schloss Charlottenburg steht ein Tor aus Ägypten, das da eigentlich nicht hingehört. Vor vier Jahrzehnten kam es als Geschenk von Staatschef Anwar al Sadat nach Berlin, in Zukunft soll das hieroglyphengeschmückte Kalabscha-Tor einmal ins Pergamonmuseum. Den Kuratoren der Sammlung Scharf-Gerstenberg stand es immer im Weg, ein Fremdkörper inmitten surrealistischer Kunstwerke. Jetzt eröffnet es den Weg in Max Ernsts Geheimzeichenwelt.

Kuratorin Kyllikki Zacharias macht sich ein Vergnügen daraus, Fäden zwischen dem quecksilbrigen Künstler und den Bilderschriften Altägyptens zu spinnen. Wollte man mit kunsthistorischer Akribie die Einflüsse abarbeiten, käme wenig Belastbares heraus. Aber liebten nicht schon die Surrealisten den Zufall? Hartnäckig und spielerisch verfolgt die Ausstellung ihre Idee. Und es springt etwas dabei heraus. Beschwingten Geistes gesellen sich Max-Ernst-Zeichnungen und ägyptische Amulette, surreale Ölbilder und altersmürbe Papyri zueinander, insgesamt rund 150 Werke.

Dass der historische Gewölbesaal sich diesmal in Kabinette gliedert, die an Grabkammern gemahnen, passt zur geheimnisvollen Spurensuche und fördert die nahe Betrachtung. Ohne die geht hier nichts: Erst im Detail springt Max Ernsts kreativer Funke und hinterhältig-gewitzter Humor über. „Zeichendieb“ nennt ihn der Ausstellungstitel. In der ägyptischen Kultur wilderte der 1891 in Brühl geborene Rheinländer, ohne je da gewesen zu sein.

Auch sonst stibitzte er, was er nur brauchen konnte. Der überzeugte Autodidakt verwischte dabei gern seine Spuren. Allerdings nicht im Falle seines Inspirators Ernst Wilhelm Leberecht Tempel: Dem Amateur-Astronomen widmete Max Ernst eine regelrechte Hommage, gespickt mit selbst erfundener Hieroglyphenschrift. Tempel hatte im 19. Jahrhundert mit einem einfachen Fernrohr mehrere Kometen, Sternennebel und einen Kleinplaneten namens „Maximiliana“ entdeckt, ohne dass die Fachwelt ihn anerkannte.

Hommage an einen Astronomen

Ernsts Mappenwerk „Maximiliana oder Die widerrechtliche Ausübung der Astronomie“ bildet das Zentrum der Ausstellung: 30 große Doppelseiten, bedeckt mit beweglichem Gekritzel und halbabstrakten Gestalten. Hier taucht erstmals im Schaffen des über 70-jährigen Künstlers jene selbst erfundene Geheimschrift auf, die zu entziffern die Kenner bis heute reizt. Die beweglichen Skripturen laufen so flüssig übers Blatt, als wüsste der Schreiber, wovon er spricht. Seine Zeichen krümmen sich zu Schnörkeln, lassen Syntax vermuten. Zugleich tun sie so, als seien sie bewegliche Figuren, recken die Arme und sind schon wieder abstrakte Linienknäuel. Die Écriture automatique der Dichterfreunde lässt grüßen. Diese Hieroglyphenzeilen zu lesen, ist Gymnastik für den Geist.

Die Ägyptische Sammlung steuerte dazu die passenden Partner bei. Ein 5000 Jahre altes Stierkopfamulett wissen selbst die Fachleute nicht zu deuten. Eine zierliche altägyptische Fischskulptur mit Mond und Stiergeweih tummelt sich, ohne zu fremdeln, zwischen den surrealen Mischwesen aus Max Ernsts berühmter Frottagenserie „Histoire Naturelle“. Eine der Grafiken nannte er „Im Stall der Sphinx“. Ein holzgeschnitzter Ibis, der sonst wegen seines miesen Erhaltungszustands im Depot bleiben muss, grüßt hinüber zu den Schnabelwesen von Max Ernst. Dessen Vogel-Alter-Ego wandelt sich unablässig, ist mal fliegendes Auge, mal Himmelskörper, mal unheimliche „Auserwählte des Bösen“. Genial reduzierte der Künstler sein Lieblingsmotiv schließlich zum schwungvollen Minimalzeichen. Aus einer einzigen Linie geboren steht der Vogel auf dem Blatt, rund wie ein Ei: „Alles in Einem“, so der Titel.

Einen glatten Kiesel in Form eines Auges hatte der Freund Roland Penrose auf einer Ägyptenreise gefunden. Max Ernst lieh ihn sich aus und gab ihn nie zurück. Als „Auge der Sphinx“ schlummert der geheimnisvolle Stein jetzt in einer winzigen Schatulle. Wären die Rätsel zu lösen, hätten sie keinen Sinn. (Selbst zu den in Schriftbandagen eingerollten Mumien Altägyptens, hier vertreten durch Ushebti-Grabfiguren, findet sich Korrespondierendes in Max Ernsts Werk.)

Stichwort Körper und Schrift: Auf einem Gemälde umarmen sich Paare, von farbigen Gedichtzeilen umschlungen. Inspiriert ist dieses Frühwerk wohl weniger von Altägypten als von dem Dichterfreund Paul Éluard und dessen Frau Gala. Max Ernst räuberte eben viele Quellen. „Er hatte Genie, aber kein Diplom“, sagt der Künstler in seinem Filmporträt über den Amateur-Astronomen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel. Der Zwölfminüter, gedreht von Peter Schamoni, ergänzt die Sternguckerei und Hieroglyphenlese der Ausstellung. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit kann ein Blick in den gestirnten Himmel nicht schaden.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstraße 70, bis 28.4.; Di bis Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr

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