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Kultur - 18.06.2019

Die pure Freude am Dasein

Ode an die Muße und die Natur: Autor Arnulf Conradi nähert sich in seinem neuen Buch der Welt durch Zen und die Kunst der Vögelbeobachtung.

Tausend Kilometer ohne Unterbrechung, notfalls im Schlaf. Der Nördliche Buller-Albatros über den neuseeländischen Chatham Islands.

Wie eine zirpende Kuppel aus Klang und Geschnatter hört sich die Stadt im Frühjahr und Sommer an, zumindest dort, wo es ein bisschen Grün gibt. Wie stark der Vogelgesang die Gefühle des Aufschwungs begleitet, nimmt man meist nur unterschwellig wahr. Eher nervt das Gelärme am Morgen, wenn Drossel, Rotkehlchen, Amsel, Fink und Lerche weit vor Sonnenaufgang ihre Koloraturen ins Schlafgemach schmettern. Wer sich vorgenommen hat, mit Arnulf Conradi am Stellschräubchen der Ignoranz in Vogeldingen zu drehen, sei gewarnt: Kaum hält man das Buch in Händen, vervielfältigt sich die Wahrnehmung. Überall ist Vogelgesang, von morgens bis abends, fast scheint er einen zu verfolgen. War der immer schon da?

Städter haben zur Natur ein ambivalentes Verhältnis. Sie ist Sehnsuchtsobjekt, aber stören soll sie nicht. Mit der breiten Zustimmung der Grünen gerade in den großen Städten wurde durch die Europawahl offenkundig, was schon immer zur Dialektik zivilisierter Naturbegeisterung gehört: ein Überschuss an begrifflicher und poetischer Vorstellungskraft. Wer die unleugbaren Anzeichen und wissenschaftlichen Studien zum Klimawandel ernst nimmt, braucht nicht nur Fachbegriffe, sondern auch Fantasie. Und eine Vorstellung davon, dass es nach dem eigenen Tod weitergehen soll: mit den Nachkommen oder einfach so mit der Welt.


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Vergnügen steigern – ohne ihm zu schaden

Wer auf dem Land, aber nicht von Landwirtschaft lebt, sondern womöglich von den Relikten des abgeräumten Braunkohlebergbaus, ist für den Egoismus der AfD wohl auch deshalb gut zu gebrauchen, weil sich die instrumentelle Klage von anderen Formen des Sprechens abgekoppelt hat. Dass die Dinge niemals einfach so sind, wie sie sind, sondern wie wir sie anschauen, mag als intellektuelle Spinnerei oder als luxuriöse Haltung gelten. Und doch bestätigt sie sich jeden Tag. Nicht nur durch Neurowissenschaften, Biologie und Psychologie, nicht nur durch Ästhetik und Kunst, sondern eben auch durch alltägliche Phänomene, die in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, und sei es der Vogelgesang.

Es ist kein Zufall, dass Arnulf Conradi zwei verschiedene Formen des kontemplativen Weltzugangs zusammen exponiert: die japanische Form des Buddhismus, die auf ihrer langen Entwicklungsreise von Indien über China nach Japan „fast alles an metaphysischem Gepäck“ verloren hat, und die „Kunst der Vogelbeobachtung“. Es geht also nicht um Jagd, Zucht, Nahrung oder Handel, also um ein instrumentelles oder sogar tödliches Verhältnis zu Vögeln. Es geht um die pure Freude an ihrem Dasein – und die Methoden, wie man das Vergnügen steigern kann, ohne ihnen damit zu schaden.

Eigene Erleben steht im Zentrum

Als einer von drei Söhnen einer wander- und naturbegeisterten Mutter in Kiel geboren, wie er erzählt, hat Arnulf Conradi dieses Mal kein Handbuch zur Vogelkunde geschrieben („Vögel“ erschien 1995 bei dtv). Sein leichtfüßiger Bericht stellt das eigene Erleben ins Zentrum und reichert es elegant mit Kenntnissen an. Wer sich auf die Weise des früheren Cheflektors und Programmleiters des S. Fischer Verlags, der 1993 den Berlin Verlag gründete und mittlerweile Privatier ist, der Vogelbeobachtung widmet, verfügt über Zeit und Muße und nagt zugegebenermaßen auch nicht am Hungertuch. Die Orte, an denen er seine ornithologischen Kenntnisse in Erlebnisse transformiert, sind die Antarktis, die Seen der Uckermarck, wo er nach der Wende ein kleines Häuschen mit großem Garten kaufte, Balderschwang im Allgäu, wohin es zum Langlauf geht, Helgoland, Sylt und nicht zuletzt der Grunewald, in dem die Hundedame Lolla, ein Riesenschnauzer, auf Wildschweine trifft, wenn sich Herr und Hündin in Berlin aufhalten.

Mit dem Albatros bekommt das Buch gleich am Anfang genügend Aufwind unter die liebevoll gestalteten Leinen-Schwingen, die ein Bild des berühmten US-amerikanischen Ornithologen und Zeichners John James Audubon ziert. Der majestätische Vogel muss mit breiten Füßen einen platschenden Anlauf auf dem Wasser nehmen und wirkt dann umso eindrucksvoller, wenn er endlich schwebt. Er ist der Vogel der „Weite des Meeres“. Von Dichtern wie Baudelaire und Coleridge in seiner Doppelgestalt besungen, kann sein schwereloses Schweben nicht nur die Dichtkunst repräsentieren, sondern auch das menschliche Staunen und die eminente Sehnsucht nach Ferne und Freiheit. Albatrosse können bis zu tausend Kilometer fliegen, sogar im Schlaf, sie gehen eine Partnerschaft fürs Leben ein und haben ausführliche Begrüßungsrituale.

Conradi würdigt den Augenblick

Stammesgeschichtlich sind Vögel uralt, sie stammen von den Reptilien ab. Zeichnet man die Flugrouten verschiedener Vögel nach, ergibt sich eine Landkarte spezieller geografischer Verbindungen. Durch den Klimawandel ändern sich bei manchen Arten die Routen. Etwa wenn die Störche, die früher auf der einen Seite der Elbe nach Ost-, auf der anderen nach Westafrika flogen, mittlerweile oft in Südeuropa überwintern. Dass sich die Füchse vermehren, wo Windräder stehen, weil nun das Fressen vom Himmel fällt, ist Conradi ebenso eine Betrachtung wert wie die Folgen industrieller Landwirtschaft.

Vor Anthropomorphismen schreckt er nicht zurück, was der Beschreibung meistens förderlich ist, allerdings auch die Widersprüche verdeckt. Wenn man sich nach der liebevollen Schilderung des „Lummensprungs“ junger Trottellumen auf Helgoland, die, noch flugunfähig, von ihren Vätern mit ermunternden Lauten zum Sprung von der Klippe ins Meer gelockt werden, auf Youtube ansieht, dann ist das weniger eindrucksvoll als in Conradis Worten. Die Imagination lässt verschwinden, was auf den Filmen zu sehen ist: eine Heerschar von Touristen und das zupackende Beringen der auf der Ufermauer gelandeten Jungvögel zu Wissenschaftszwecken.

Vor 30 Millionen Jahren haben sich Singvögel in Australien entwickelt. Arnulf Conradi gelingt es immer wieder, den kostbaren Moment beim Vogelbeobachten, diesen Augenblick, der ein „Hier und Jetzt“ ist, als eine „Senkrechte in der Zeit“ zu würdigen. Er bringt ihn zugleich mit der langen Dauer in Zusammenhang, der staunenswerten Tatsache, wie lange Vögel bereits Erde und Himmel bewohnen. Seine soignierte Form des „Nature Writing“ ist gelegentlich etwas zu abgeklärt und lässt den Umweltaspekt, sofern es den Schreibenden als Reisenden selbst betrifft, recht nonchalant außen vor.

Auch Schriftsteller Jonathan Franzen frönt der Vogelbeobachtung

Der Laie wird mit diesem Buch nicht unbedingt zum Vogelkenner. Umso besser. Gesteigerte Aufmerksamkeit, ohne gleich vom „Patchworker“, der bei seinen alltäglichen Gängen auch die Vögel beachtet, zum „Traveler“ zu werden, kann für die geflügelten Erdenbewohner nur gut sein. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen, ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter mit notorisch schlechtem Gewissen, bildet Listen und reist, um Arten zu sammeln. In einem Essay für den „New Yorker“ versuchte er, zwischen Klimaschutz als eschatologischem Modell und Naturschutz, den er franziskanisch nennt, zu unterscheiden. Man schütze, was man liebt, ist sein Argument für diese Haltung. Vielleicht muss es nicht gleich Liebe sein, aber Sinn, wie Franzen schreibt: „Die Tiere können uns nicht dafür danken, dass wir sie am Leben erhalten, und sie würden bestimmt nicht das Gleiche für uns tun, wären die Rollen vertauscht. Aber wir, nicht sie, sind diejenigen, für die das Leben einen Sinn haben muss.“ Darüber lässt sich wunderbar nachdenken, wenn das Vogelgezwitscher uns weckt. Ist es nicht die reine Lebensfreude?

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