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Kultur - 14.06.2019

Der Mensch lässt sich nicht brechen

Constantinos Carydis gibt sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern, mit zwei Mozart-Sinfonien und zwei Stücken von Schostakowitsch.

Dirigent Constantinos Carydis.

Werden Werke des 20. oder 21. Jahrhunderts zwischen zwei Repertoire-Hits versteckt, sprechen Musiker von einem „Sandwichprogramm“. Beim Debüt des 45-jährigen Dirigenten Constantinos Carydis mit den Berliner Philharmonikern stehen am Anfang und am Ende Sinfonien von Mozart – und rahmen zwei Raritäten von Schostakowitsch, in Bearbeitung für Streichorchester: Die Oktett-Stücke Opus 11 und das achte Streichquartett.

Leider geht der Auf-Nummer-Sicher- Teil nicht auf. Weil Carydis in der 34. Sinfonie und der „Prager“ auf Erregung statt Eleganz setzt. Unablässig pumpt er Energie ins Orchester, tanzt die Interpretation förmlich vor: Die Arme fliegen hoch, weit lehnt er sich nach vorne, und wo es leise werden soll, geht er tief in die Hocke. 2018, bei der Salzburger „Zauberflöte“ mit den Wiener Philharmonikern, war es ihm gelungen, die Österreicher aus ihrer Grundbräsigkeit zu wecken, so dass sie „ihren“ Mozart plötzlich mit der Vitalität eines Alte-Musik-Ensembles spielten.

In Berlin muss niemand erst unter Strom gesetzt werden

In Berlin aber, wo ein anderer, von Natur aus freierer Geist herrscht, muss niemand erst unter Strom gesetzt werden. Hätte der Dirigent mehr Vertrauen in die Fantasie der Musiker gehabt, hätte er ihnen Raum gegeben zur Entfaltung ihrer Qualitäten! Für einen viel zu kurzen Moment kommt Ahnung auf, was möglich gewesen wäre: In der langsamen Einleitung zur „Prager“ dürfen die Philharmoniker einmal in Ruhe mit der Musik atmen.

Überzeugender ist Carydis’ Zugriff auf Schostakowitsch: Das Streichquartett wird als Lamento über das Leben in der Sowjetunion erlebbar, durch Hell-Dunkel-Kontraste zwischen dem einsamen Individuum und der brachialen Staatsgewalt. Der Mensch aber lässt sich bei Schostakowitsch nicht brechen, bewahrt eine Resthoffnung, die sich etwa in Daishin Kashimotos Solovioline manifestiert. Lange hält der Saal die Stille aus, die Carydis’ erstarrte Schlussgeste einfordert.

Aus glücklichen, vorstalinistischen Tagen stammt Opus 11. Mit Melodien, die von Tschaikowsky oder Glasunow stammen könnten, lullt der Komponist die Hörer ein – um sie dann mächtig zu erschrecken, mit wilder Maschinenmusik. Die Gelegenheit, so einen fortschrittsfrohen, frechen Furor auf virtuoseste Weise zu entfesseln, lassen sich die Philharmoniker natürlich nicht entgehen.

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