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Kultur - 09.01.2019

Das Leben, ein Minenfeld

Julia Roberts spielt in dem überzeugenden Drogen- und Familiendrama „Ben is Back“ eine kämpferische Mutter.

Moderne Pietà: Holly (Julia Roberts) versucht ihren Sohn (Lucas Hedges) aus dem Drogensumpf zu ziehen.

Diesen Blick muss man erst einmal hinbekommen. Panik, Verzweiflung, Liebe, Hoffnung und ein gutes Dutzend weiterer widerstrebender Gefühle liegen in Julia Roberts Augen. Sie spielt Holly, deren ältester Sohn Ben (Lucas Hedges) unangekündigt Heiligabend in der Garagenauffahrt steht. Es sind nur wenige Sekunden, bis sie sich fängt, auf den Jungen zu rennt und ihn in die Arme schließt. Aber dieser kurze Augenblick lässt erahnen, welche Abgründe sich zwischen Mutter und Sohn in der Vergangenheit aufgetan haben.

Ben ist 19, heroinsüchtig und seit 77 Tagen clean. 77 Tage sind eine Menge, aber bei Weitem nicht genug, um sich halbwegs sicher durch ein neues Leben ohne Drogen zu bewegen. Gegen den Rat seines Therapeuten ist Ben aus der Entzugsklinik abgehauen, um Weihnachten bei der Familie zu verbringen. Die Freude ist verhalten. Schwester Ivy (Kathryn Newton) benachrichtigt erst einmal den Stiefvater (Courtney B. Vance), der wenig später im Wohnzimmer steht und Ben zurück in die Klinik bringen will.

Familien-Reha in 24 Stunden

Schließlich siegt die weihnachtliche Barmherzigkeit. Ben darf 24 Stunden bleiben. Holly macht ihrem Sohn klar, dass sie ihn keine Sekunde aus den Augen lassen wird und versteckt Schmuck und Medikamente. Denn eins hat die Mutter in all den Jahren gelernt: einem Drogenabhängigen ist nicht zu trauen. Zu Hause und in der Stadt, wo Ben über Jahre als Junkie und Dealer gelebt hat, lauern Trigger, die ihn wieder in die Sucht hinein- treiben könnten. Auf dem Dachboden etwa, wo der Weihnachtsbaumschmuck lagert, hat Ben früher seinen Stoff versteckt. Aber auch die beschauliche Suburbia ist für ihn ein Minenfeld: „Hier habe ich mir eine Spritze gesetzt“, erzählt er seiner Mutter bei der Autofahrt. „Hier habe ich jemand überfallen.“

Aber die Vergangenheit wird ihn schon bald wieder einholen. Als sie aus der Kirche zurückkommen, ist das Wohnzimmer verwüstet, der Weihnachtsbaum umgekippt und der Hund der Familie verschwunden. Ben rennt in die Nacht, will herausfinden, wer den Hund gestohlen hat. Zusammen mit Holly klappert er die Verdächtigenliste ab. Aber wo anfangen? Es sind zu viele, die mit Ben noch eine Rechnung offen haben: Der Vater, dessen Tochter er angefixt hat und die später an einer Überdosis starb. Der Geschichtslehrer, der Ben die Schmerzmittel seiner kranken Mutter verkauft hat. Der Drogendealer, der seine Schulden eintreiben will. Immer tiefer dringt Holly in das kaputte Leben ihres Sohnes ein. Dass sie ihm trotzdem nicht ihre Zuneigung entziehen kann, ihn gegen seine Selbstvorwürfe verteidigt, zeigt die Blindheit und die Kompromisslosigkeit ihrer Mutterliebe. Regisseur Peter Hedges glorifiziert diese bedingungslose Liebe nicht, er sucht einen solidarischen, aber auch ambivalenten Blick auf deren Unumstößlichkeit.

Drogensumpf in Vorstadtamerika

Für Julia Roberts, seit Anfang des Jahres auch in der Amazon-Serie „Homecoming“ zu sehen, ist Holly die beste Rolle seit „Erin Brockovich“, die sie mit großer Präsenz ausfüllt. Aber auch Lucas Hedges, bekannt geworden mit dem Drama „Manchester By the Sea“, ist herausragend in der Rolle des Abhängigen, der in Suchtstrukturen und im eigenen Schuld-Narzissmus gefangen ist. Im kompakten 24-Stunden-Erzählformat zeigt „Ben is Back“, welch enormes Zerstörungspotenzial Drogenmissbrauch auf die Familienstruktur und die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind hat. Regisseur Hedges holt das Thema raus aus dem stigmatisierten Gossenmilieu, er verzichtet auch auf die Stereotypen des Genrekinos und verpflanzt es ins mittelständische Vorstadtamerika, wo der jugendliche Drogenkonsum längst genauso zum Alltag gehört.

Dabei geht es ihm nicht um Schuldzuweisungen und psychologische Ursachenforschung, im Mittelpunkt steht der Umgang mit der Drogenabhängigkeit eines Familienmitglieds. Damit steht „Ben is Back“ in direkter Seelenverwandtschaft zu „Beautiful Boy“ von Felix van Groeningen, der Ende Januar im Kino startet und das Sujet aus der Vaterperspektive beleuchtet. Beide Filme setzen dem weißen Überlegenheitsgeprahle der Trump-Ära einen düsteren, realistischen Blick auf die Verletzlichkeit des wohlsituierten Amerikas entgegen, dessen Kinder trotz ökonomischer Sorglosigkeit still an der Welt verzweifeln.

In 7 Berliner Kinos, OV: Cinestar Sony-Center, OmU: Delphi Lux, Filmkunst 66, Kulturbrauerei

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