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Kultur - 13.06.2019

Auf Schatzsuche in Venedig

Abseits vom Pflichtprogramm der Biennale: Ein Rundgang durch die Pavillons und Ausstellungen der „Eventi collaterali“ überall in Venedig.

Der litauische Pavillon gewann mit der Performancearbeit „Sun & Sea (Marina)“ den Goldenen Löwen.

Eigentlich heißt es immer: Wer die Biennale di Venezia besucht, müsste die Augen verschließen vor der Schönheit der Stadt, denn mit ihr könne die aktuelle Kunst nicht konkurrieren. Doch das stimmt nicht ganz. Gerade durch die unmittelbare Nachbarschaft von Alt und Neu, historischer Architektur und zeitgenössischen Installationen ergeben sich vielfältige Verbindungen, die bereichernd für Vergangenheit wie Gegenwart sind und nur so in der Lagunenstadt erlebt werden können.

Diese besondere Kombination lässt seit etlichen Jahren die „Eventi collaterali“, wie die in den offiziellen Biennale- Veranstaltungskalender aufgenommenen Begleitausstellungen heißen, zur eigentlichen Attraktion der Biennale werden. Auch die in Kirchen, Palazzi, Werkhallen untergebrachten nationalen Repräsentationen, die nicht mehr in den Giardini unterkamen, entwickeln sich zunehmend zu Favoriten des Publikums.

Das Biennale-Gelände mit seinen offiziellen Pavillons, das Arsenale mit der Hauptausstellung stellen für den Besucher zwar das Pflichtprogramm dar, die Stadt mit den darin weitläufig verteilten Nebenschauplätzen aber ist die Kür. Die Biennale eröffnet die Möglichkeit, an so manchen Ort zu gelangen, der ansonsten für die Öffentlichkeit verschlossen ist. Da kann es passieren, dass die Sonderausstellungen zu den eigentlichen Highlights des alle zwei Jahren stattfindenden Großevents werden.

Ein Garant für hervorragende Präsentationen ist die Fondazione Prada, die seit acht Jahren im Ca’ Corner della Regina residiert, einem im 18. Jahrhundert für die Familie Corner erbauten Palazzo direkt am Canal Grande. Natürlich wäre die Ankunft zu Wasser hochherrschaftlicher als von einer dunklen Seitengasse her. Aber wenn der Besucher das modernisierte Entree mit seinem polierten Tresen erst einmal passiert hat, steht er in einer gewaltigen Eingangshalle mit zwei spektakulären symmetrischen Treppen, die ins Piano nobili führen. Diesmal ist die Ausstellung Jannis Kounellis gewidmet, dem Altmeister der Arte Povera, der mit Kohle, Holz und rostigem Stahl geradezu archaische Monumente schwerer Arbeit und der Vergänglichkeit schuf, indem er die Materialien hart zusammenführt.

Der Duft von Kaffeepulver dringt einem in die Nase

Der Kontrast im Ca’ Corner könnte nicht größer sein zum luxuriösen Ambiente mit seinem barocken Dekor und den prachtvollen Wandgemälden. Vor zwei Jahren starb der gebürtige Grieche in Rom. Wie bei Beuys mag man sich fragen, ob Kounellis’ Werke ohne ihn angemessen eingerichtet werden können. Hätte er seine Armada alter Schränke ebenfalls unter eine Decke mit Fresko gehängt, seine leichenhaften schwarzen Mäntel mit Hut und Schuhen ebenfalls auf einem kostbaren Terrazzoboden ausgelegt?

Der Kunstkritiker Germano Celant, Herold der Arte Povera und Kurator der Ausstellung, löste das Problem, indem er Fotografien früherer Ausstellungen mit Zitaten des Künstlers hinzufügt und den Besucher vergleichen lässt. Der streift nun durch Barockzeit, 20. Jahrhundert und gegenwärtige Inszenierung. Der Funke springt immer dann am stärksten über, wenn sich die zum Feld arrangierten Gaskocher plötzlich entzünden, ein Cellist vor einem Gemälde Mozart zu spielen beginnt, der Duft von Kaffeepulver einem in die Nase dringt, das auf kleinen Waagen aufgehäuft ist (bis 24. 11.).

Palazzi wie der Ca’Tron beherbergen während der Biennale Sonderausstellungen.

Nur wenige Schritte entfernt stellt die Victor Pinchuk Foundation im Palazzo Ca’ Tron die 21 Nominierten ihres mit 100 000 Dollar nominierten Future Generation Art Prize aus. Ihn gewann Emilija Škarnulyte, deren Film den Besucher in Unterseewelten schickt. Eine schwarze Seejungfrau schwimmt darin durch dystopische Landschaften. Die Karriere der 32-jährigen Litauerin dürfte nun Fahrt aufnehmen. In Venedig präsentieren die Oligarchen nicht nur ihre Luxusyachten, die zur Biennale-Eröffnung gut sichtbar in Giardini-Nähe ankern, sondern auch ihren Kunstverstand und mäzenatische Großtaten. Pinchuk ist der Platzhirsch unter ihnen. Vor zwölf Jahren eröffnete er in Kiew ein nach ihm benanntes Art Center und umgibt sich mit den Stars der Kunstwelt (bis 23. 8.).

Was die Geste zählt, ist auf andere Art und Weise bei Edmund de Waal zu studieren, der sich mit seiner Bibliothek im Versammlungssaal des Ateneo Veneto niedergelassen hat, einer seit Generationen dem geistigen Dialog gewidmeten Institution. Der strahlend weiße Kubus, in dessen Inneren Gefäße des britischen Keramikers und Schriften verfolgter Autoren aufgestellt sind, ist ein Mahnmal für all jene Bibliotheken, die im Laufe der Jahrhunderte vernichtet wurden. Der Besucher darf sich die Bücher von Walter Benjamin, Salman Rushdie und anderen herausnehmen und seinen Namen ins Exlibris eintragen. In seinem Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ schrieb de Waal, dessen Vater sich als Kind vor den Nationalsozialisten nach London retten konnte, die Geschichte seiner verfolgten Familie auf, die unter anderem eine riesige Bibliothek in Wien zurücklassen musste. Von Zerbrechlichkeit zeugen auch seine Keramiken (bis 29.9.).

Die Biennale ist der Ort, um mit großen Namen zu punkten

Wer aus dem kühlen Dunkel des Ateneos tritt, den empfängt – wenn es nicht gerade regnet – sogleich wieder die gleißende Sonne, das touristische Leben. Cafés, Gelaterien, Restaurants reihen sich hier nahe des Teatro La Fenice aneinander. Licht und Schatten, strahlende Fassaden, morbide Ecken wechseln sich in Venedig so kontrastreich ab wie kaum woanders. Die Punta della Dogana glänzt von außen wie innen, seit der französische Unternehmer und Kunstsammler François Pinault das ehemalige Zolllager an der Spitze der Insel Dorsuduro durch den japanischen Stararchitekten Tadao Ando in ein Museum umwandeln ließ. Zum zehnjährigen Jubiläum des Ausstellungsortes zeigt er hier unter dem Titel Orte und Zeichen eine Freundschaftsausstellung: Werke von 30 Künstlern, die sich auf die libanesische Malerin und Dichterin Etel Adnan beziehen. Den Aufstieg zur Terrasse des Belvedere belohnt ein fulminanter Blick auf die Stadt.

Die nigerianische Malerin Toyin Ojih Odutola gehört zu den Nominierten für den Future Generation Art Prize.

Während man die Punta della Dogana beschwingt verlässt, wird es einem im Palazzo Grassi, den Pinault 2006 als Ausstellungshaus vom Autohersteller Fiat übernahm, zunehmend unbehaglicher je länger man durch die Säle wandelt und die Gemälde von Luc Tuymans betrachtet. Der belgische Maler ist Spezialist für verborgene Geheimnisse, seinen Bildern traut man nicht. Und das zu recht. In pastosen Farben, oft verwischt, malt er Täter und Opfer, häufig des „Dritten Reiches“. Das Bild „Schwarzheide“ übersetzte er für den Palazzo Grassi in ein Bodenmosaik, auf dem der Besucher steht, sobald er den Lichthof betritt. Erst durch den Blick aus der Ferne, über die Balustrade einer der oberen Etagen, erschließt sich das Motiv: die Zeichnung eines Tannenwalds, die von einem KZ-Häftling stammt.

Die Biennale ist stets der Ort, um mit großen Namen zu punkten: Helen Frankenthaler im Museo di Palazzo Grimani, Arshile Gorky im Ca’ Pesaro, Hans Arp bei Peggy Guggenheim. Im Hintergrund schieben die Galeristen, Sammler, Kuratoren an, um ihre Künstler in Stellung zu bringen, denn die Biennale ist zugleich Vorspiel für die Art Basel (13. – 16.6.), die als nächstes Kunstevent folgt. Die potenziellen Kunstkäufer, eingeflogen aus den USA und Asien, machen sich in Venedig erst einmal schlau, um dann auf der Schweizer Messe zuzuschlagen.

Kreuzung von heiterer Stimmung und existenziellen Sorgen

Eine Poolposition für dieses Schaulaufen stellt die Accademia dar, Venedigs berühmteste Adresse für Malerei. Giorgiones „Gewitter“, Tizian, Tintoretto, Mantegna, Bellini sind hier zu sehen. In diesem Jahr darf Georg Baselitz glänzen, der erste lebende Künstler in der Galleria d’Accademia, wie es werbeträchtig heißt. Nur gibt es ein Problem: Wer seine versteckt im Souterrain gelegene Ausstellung sucht, kommt bei Leonardo vorbei. Und wer dessen Vitruvianischen Menschen erst einmal im Original studiert hat, das der Accademia gehört, der ist für die kopfüber gemalten Figuren von Baselitz zunächst verloren. Wären da nicht jene wunderbaren Tuschzeichnungen, die Baselitz 1965 als junger Stipendiat der Villa Romana in Florenz malte. Unter italienischer Sonne und noch richtig herum.

Ein Sonnenstück schuf auch die italienische Kuratorin Lucia Pietroiusti für den litauischen Pavillon, der nicht in den Giardini, sondern in einem ehemaligen Lagerhaus der italienischen Marine untergekommen ist. Für ihre Sun & Sea betitelte Oper gab es den Goldenen Löwen als besten nationalen Pavillon, ein Liebling nicht nur der Biennale-Jury unter Vorsitz von Stefanie Rosenthal, Chefin des Berliner Gropius Baus, sondern auch des Publikums. Die Sonne scheint hier allerdings aus UV-Lampen auf das wonnige Strandleben auf aufgeschüttetem Sand, das der Besucher von oben beobachten kann. In Badeanzug, Bikini und Shorts räkelt sich das Ensemble auf Handtüchern und Liegen, löst Kreuzworträtsel, liest Romane, döst vor sich hin, wie man es am Meer halt so macht.

Die Musik allerdings erweckt die Szene zu einem ganz anderen Leben. In ihren Arien berichten die Sänger von alltäglichem Kummer, dem Leid der Flüchtenden und der Angst vor Umweltzerstörung. Das Outdoor-Szenario im Innenraum, ein in Bewegung versetztes Bild, die Kreuzung von heiterer Stimmung und existenziellen Sorgen – die Kunst bringt die Gegensätze mit leichter Hand zusammen, Venedig ist der passende Ort für ihre Überbrückung (bis 24.11.).

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