| |
12.
März 2005
Hintergründe
zum Neonazi-Aufmarsch im nordhessischen Fritzlar
Am
5.März marschierten etwa 30 Neonazis im Rahmen einer angemeldeten
Demonstration durch die Fritzlarer Altstadt. Etwa 15 Gegendemonstranten
und zahlreiche Passanten machten ihrer Wut über die braune
Versammlung Luft.
Sie
bezeichnen sich selbst als "frei Kräfte Nordhessen",
sie sind Anhänger der "Kameradschaft Schwalm" und
anderer Gruppierungen. Viele Teilnehmer des Aufmarsches in Fritzlar
hatten keine weite Anfahrt. Sie organisieren sich längst
nicht mehr öffentlich, treten aber immer mehr in der Öffentlichkeit
auf und haben längst gelernt, demokratische Rechte für
den Aufbau eines neuen braunen Selbstbewusstseins zu nutzen.
Als
sich der kleine Demonstrationszug um 11.30 Uhr am Fritzlarer Zimmerplatz
sammelte, mussten sie nicht etwa den Aufstand einer Kleinstadt
fürchten. Die Polizei allerdings hatte sich für ein
mittelschweres Aufgebot an Personal entschieden. Die Kriminalpolizei
und weitere Beamte aus Homberg hatten am Versammlungsort zunächst
ausführliche Kontrollen zum Ärger der mit PKWs angereisten
Rechtsradikalen durchgeführt. Dabei fanden sich Schlagwaffen
und diverse verfassungsfeindliche Symbole (siehe
Polizeibericht unten).
Mit
einem Transparent voran ("wer mit Gewalt unterdrückt
wird, wird sich gewaltig wehren!") und mit der Parole "frei,
sozial und national", über ein Megaphon verstärkt,
machte sich der Haufen dann mittags unter dem Schutz der Polizisten
auf den Weg in die Innenstadt. Durch die Allee, am Krankenhaus
vorbei und dann zum Marktplatz. Etwa auf Höhe des Hospitals
mussten die Faschisten dann mit einer Überraschung rechnen.
Ein junger Mann hatte am Abend zuvor nur durch Zufall vom geplanten
Aufmarsch erfahren und mit jeder Menge Wut im Bauch seine Familie
und seine Freunde benachrichtigt. Rund 15 Helfer konnte er mobilisieren
und die empfingen den bis dahin ungestörten Marsch mit Trillerpfeifen
und Gebrüll! Der Aufstand der Anständigen folgte der
Demonstration soweit es die Polizei zuliess und machte dann auch
unfreiwilligen Zuschauern Mut: "verpisst Euch!" riefen
Passanten und auf dem Marktplatz formierte sich abseits der Gegendemonstranten
ein weiterer Protest. Da wurde dann schnell die schrille Hundepfeife
eingesetzt, um die Parolen aus dem Megaphon unverständlich
zu machen - mit Erfolg.
Die
örtliche Tageszeitung HNA berichtet unter anderem von den
Versuchen des Fritzlarer Bürgermeisters Karl-Wilhelm Lange,
die Demonstration zu verbieten. Er habe Gewalttätigkeiten
befürchtet und auf insgesamt sieben Seiten sein Verbot begründet.
Der Widerspruch der Organisatoren vor dem Verwaltungsgericht hob
das Verbot aber ganz schnell wieder auf. Jedes Wochenende werden
bundesweit Demos organisiert und juristisch betreut. Das Netzwerk
der Neofaschisten in Deutschland bietet nicht zuletzt professionelle
Hilfe und ausreichende finanzielle Mittel um das Demonstrationsrecht
vor Gericht durchzufechten. Eine Kleinstadt wie Fritzlar wird
da in jedem Fall das Nachsehen haben. In der deutschen Hauptstadt
sehen wir die Verantwortlichen hilflos beim Versuch, einen rechten
Demonstrationszug am 8.Mai durchs Brandenburger Tor zu verbieten;
wie will man also das Demonstrationsrecht in Zukunft behandeln?
Neben
dem Rechtsstreit vor dem Verwaltungsgericht sollten für die
Demo in Fritzlar auch Argumente geschaffen werden, um einerseits
die eigenen Leute zu motivieren und um andererseits in der Öffentlichkeit
die Rolle der Unterdrückten und Verfolgten zu spielen:
Am
25.Februar soll es in Fritzlar einen Überfall auf die Wohnung
einer jungen Familie gegeben haben. Die Polizei wurde hinzugezogen
und ermittelt. Der Vater der Familie soll in der rechten Szene
aktiv sein. Er habe das Haus verlassen, kurz danach habe es an
der Tür geklopft. Mehrere maskierte Täter sollen die
junge Frau massiv bedroht und beschimpft haben. Die genauen Einzelheiten
des Überfalls sind schon nach Stunden auf rechtsextremen
Internetseiten zwischen München und Berlin zu lesen. Dort
steigern sich Mitglieder der "Kameradschaft Schwalm"
in eine abenteuerliche Geschichte von linksradikalen Schlägern
und berichten vom intensiven Widerstand der in der Wohnung lebenden
Hunde. Verantwortlich für den Übergriff wird eine linke
Szene gemacht; von einer gewaltbereiten Gruppe dieser Art hat
allerdings nie zuvor jemand gehört.
Sogar
der private Radiosender FFH nimmt die reisserische story ungeprüft
auf und sendet sie durch Hessen. Hier alle Einzelheiten wiederzugeben
ist überflüssig; die Polizei erkannte sehr schnell Widersprüche
in den Aussagen und geht mittlerweile von einem Streit innerhalb
der rechten Szene aus.
Liest
man die Überfall-Geschichte etwas genauer fallen einem ganz
schnell selbst die Widersprüche auf:
Die
Täter sollen die Wohnungstür mit einem Messer "eingeritzt"
haben, ein Vorgehen, das bisher nur aus der Neonaziszene bekannt
wurde.
Nach
Berichten auf "freierwiderstand.-" haben die Hunde mit
ihrem Angriff auf die Fremden gewartet, bis die Tür beschädigt,
die Frau verletzt und die Wohnung verwüstet war.
Überfälle
der gleichen Art soll es an dem Wochenende auch in anderen Orten
gegeben haben. Auch dort war der Vorfall dann Argumentationsbasis
für Protestaktionen der örtlichen Naziszene.
Die
Pressestelle der Polizei meldete am Abend des 5. März:
POL-KS:
Demonstration der rechten Szene mit dem Thema Gegen
staatliche Willkür und Gewalt gegen politisch Andersdenkende
in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) 05.03.2005
- 18:22 Uhr
Kassel
(ots) - Heute fand zwischen 13.00 und 14.00 Uhr in der
Fritzlarer Innenstadt ein genehmigter Aufzug mit Abschlusskundgebung
zu o.g. Thema statt. Hintergrund ist ein Überfall
auf eine 19-jährige Frau in deren Fritzlarer Wohnung
am 25.02.2005. Der Ursprung dieser Tat ist im Umfeld des
rechtsorientierten Lebensgefährten und dessen Auseinandersetzungen
mit der örtlichen linken Szene zu sehen. An der heutigen
Veranstaltung nahmen ca. 60 Personen des Rechten
Spektrums teil. Spontan versammelten sich 15 Gegendemonstranten
im Bereich der Abschlusskundgebung . Es kam zu keinerlei
Zwischenfällen. Starke Präsenz der Polizei führte
bereits im Vorfeld zur Sicherstellung folgender Gegenstände:
1 Eisenrohr, 1 Schlagring, 1 Schlagstock, 1 Fahne , 1
Jacke mit verfassungswidrigen Symbolen, 1 Musik-CD mit
entsprechendem Liedgut. Während der Veranstaltungsdauer
kam es zu keinen nennenswerten Beeinträchtigungen.
Achim
Wolf (Kriminalhauptkommissar)
ots-Originaltext: Polizeipräsidium NordhessenDigitale
Pressemappe: http://www.polizeipresse.de
|
Auszüge
aus dem Internetforum der örtlichen Tageszeitung
HNA
zum
Artikel "Polizei: Keine rechte Szene"
(HNA online
06.03.05):
(gegenüber
der HNA erklärt der Pressesprecher der Polizei, Reinhard
Giesa, in Fritzlar gäbe es keine rechte Szene. Auch
das sogenannte "Bürgerbündnis Nordhessen"
sei bisher nicht bekannt.)
Von
David am Dienstag, 08.03.2005 um 17:52 Uhr
"Das finde ich klasse! Da wir ja nicht existieren
(Rechte Szene) können wir ja machen was wir wollen."
Von
Joachim am Dienstag, 08.03.2005 um 18:00 Uhr
"Schöne Sachen die ich hier so höre. Das
die Polizei anständige und friedliche Patrioten verschweigen
möchte kann ich mir schon gut vorstellen. Erst wenn
Straftaten begangen werden gibt es Sie und dann mit Straftätern
welche gar nicht zu den Patrioten gehören.
Das
BB-Nordhessen wird mit der Zeit noch bekannter, denn es
ist die Stimme des Bürgers und nicht die Stimme einer
Randgruppe. Kann mir nicht vorstellen, dass die Polizei
und die Region Fritzlar etwas gegen ein solches Bündnis
hat!"
Antwort
von Steiph am Dienstag, 15.03.2005 um 20:57 Uhr
"Sie
sind eben NICHT das Sprachrohr des Bürgers, sonst
wären bei Ihrer bescheidenen Demo auch Bürger
dabei gewesen. Gesehen haben wir nur uniforme und
ideologisch geformte Kameraden, die die Glatze zumeist
unter Kappen versteckten. Daß sich der neue
Faschismus nun mit den Schlagworten "sozial"
und "Bürgerbündnis" schmückt,
das ist wirklich lächerlich. Und doch gar nicht
witzig wenn sich Faschisten vor Gericht demokratische
Rechte erkämpfen um uns im Gegenzug ihre Gesinnung
von Unterdrückung und Völkervernichtung
zu präsentieren! Die Bürger bilden in dieser
Stadt längst ein Bündnis. Und sie mögen
Euch nicht."
|
|
|