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22.
September 2007
Infostände
der NPD in Nordhessen
NPD-Infostand
in Frankenberg
Am
Samstag demonstrierten rund 200 Frankenberger lautstark gegen einen
Infostand der NPD in der Fußgängerzone. Der BUND Waldeck-Frankenberg,
die Gewerkschaft ver.di, SPD, Grüne und DIE LINKE hatten kurzfristig
zum Protest aufgerufen. Mit viel Witz und Courage wurden die NPD-Vertreter
zur Rede gestellt und der Infostand blockiert. Gestört wurde
der friedliche Protest von bekannten Aktivisten der autonomen Rechten.

Wer
glaubte, dass Proteste gegen die rechtsextremistische NPD in der
nordhesischen Provinz kaum zu mobilisieren seien, wurde von den
Frankenbergern heute eines Besseren belehrt. Der Auftritt von NPD-Anhängern
am Vormittag in der Fußgängerzone wurde von einem bunten
und friedlichen Protest begleitet. Nachdem Mitte der Woche aus der
Presse (HNA-online)
bekannt wurde, dass Frankenbergs Bürgermeister Christian Engelhardt
(CDU) die Genehmigung für einen Stand der Nationaldemokratischen
Partei Deutschlands am Samstag in der Frankenberger Fußgängerzone
gegeben hatte, organisierten örtliche AktivistInnen aus Umweltschutz
und Politik spontan eine Gegendemo.
Bürgermeister
Engelhardt hatte erklärt: "Als zugelassener Partei
stehen der NPD dieselben Rechte offen, wie anderen zugelassenen
Parteien". Der CDU-Politiker äußerte sich auch
kritisch zu möglichen Gegenkundgebungen.
Schon
nach Aufbau des Infostandes bei Iller und Mones ab etwa 10.00
Uhr wurden die Scheindemokraten von Protesten begleitet. Die Polizei
musste aber nie eingreifen, es blieb bei Ermahnungen. Offensichtliche
Teilnehmer der Gegenkundgebung, also die Träger von Fahnen
oder Transparenten wurden aufgefordert, den ausgewiesenen Abstand
zum NPD-Stand einzuhalten. In der belebten Fußgängerzone
konnte aber nicht verhindert werden, dass der NPD-Tisch friedlich
und mit dem gebührenden Respekt belagert wurde. So wurde auch
das Informationsmaterial nach und nach, Blatt für Blatt entsorgt.

Bei
den NPD-Vertretern handelte es sich u. a. um das Ehepaar Godenau
aus Gilserberg-Sebbeterode. Roy Godenau fungierte als "Personal
Assistant" des US-amerikanischen Rassisten David Duke.
Der aus Tulsa/Oklahoma stammende Duke ist ehemaliger Grand Wizard
der Knights of the Ku Klux Klan. 1991 erzielte Duke bei der
Wahl des Gouverneurs im US-Bundesstaat Lousiana 39 % (700.000 Wählerstimmen).
1999 gründete er eine Gruppierung namens National Organization
for European-American Rights (NOFEAR). Roy Godenau, ein gebürtiger
US-Amerikaner, kam 1969 als Soldat in die Bundesrepublik und heiratete
1977 Ingeborg Godenau. Die unscheinbare Lehrerin kandidierte bei
den Kommunalwahlen in Hessen 2006 für das rechtsextreme Bürgerbündnis
Pro Schwalm-Eder. Das Anwesen der Godenaus, die Buchenmühle,
soll in den 70er Jahren verschiedenen Gruppen als Tagungsstätte
sowie als Zelt- und Übungsplatz gedient haben. Gern gesehene
Gäste sollen auch Mitglieder der 1994 verbotenen Wiking-Jugend
gewesen sein.

Unter
den Teilnehmern des antifaschistischen Protests waren auch viele
junge Menschen. Schülerinnen und Schüler verwickelten
die Nationaldemokraten unablässig und gewitzt in Diskussionen.
Antworten auf ihre Fragen erhielten die jungen Leute aber kaum.
Nach politischen Inhalten, nach dem Wahlprogramm oder sonstigen
Positionierungen sucht man bei der lokalen Rechten offenbar vergeblich.
Es bleibt bei der üblichen braunen Hetze gegen "Ausländer,
Arbeitsscheue und Kommunisten". Mit Mut und erfrischendem
Idealismus haben junge Erwachsene in Frankenberg den menschenverachtenden
Charakter des Faschismus enttarnt und sich so eine Menge Respekt
verschafft.
Für
gemeinschaftliches Gelächter sorgten die NPD-Vertreter, als
sie die Polizei baten, eine Gruppe junger Schülerinnen und
Schüler zu entfernen: "Wir möchten jetzt nicht
mehr weiter diskutieren...". - Schon blöd, wenn man
sich als Partei mit einem Infostand in die Fußgängerzone
stellt und dann vor den pfiffigen Fragen aufgeweckter Schüler
kapituliert.

Die
meisten Teilnehmer der Gegenkundgebung machten sich gegen Mittag
zur Demonstration durch die Bahnhofstraße auf. Kaum dass sich
die Menge vom eigentlichen Ort des Geschehens entfernt hatte, schoben
sich plötzlich die bekannten Aktivisten der autonomen Rechten
in Nordhessen durch die Menge. Die Stimmung kippte. Die Störer
waren mit einer Ausnahme schwarz gekleidet und vermummt, trugen
Sonnenbrillen. Sie pöbelten, sie schubsten und sie fotografierten
als sie durch die volle Fußgängerzone drängten.
"Bist Du schwul oder was?! Verpiss Dich!" schallte
es mir selbst sofort entgegen. Auch die Organisatorin der Gegenkundgebung
wurde bedrängt. Es waren die üblichen Verdächtigen:
der ehemalige JN-Aktivist Mike Sawallich trat unvermummt auf, Maksim
Blumhardt ("Freier Widerstand Kassel") und andere
bekannte nordhessische Kameraden wurden außerdem erkannt.

Am
Infostand der NPD angekommen, versperrte ihnen die Polizei zunächst
den Weg. Teilnehmer des antifaschistischen Protests und möglicherweise
auch die Polizei hatten die Vermummten zu diesem Zeitpunkt noch
für unerwünschte Linksautonome gehalten. antimanifest
nahm diesbezüglich Kontakt mit den zivilen Staatsschützern
auf und bekundete Sorge, weil der Auftritt der Gruppe eine Verschärfung
der Lage bedeuten musste. Die Anhänger des "Freien
Widerstands" erklärten den Beamten zu diesem Zeitpunkt
bereits selbst, dass sie sich zum NPD-Stand zählen und sich
somit auch dort aufhalten würden. Ein Vermummungsverbot wurde
von der Polizei nicht durchgesetzt.
Die
Polizei verhinderte auch nicht, dass die schwarzen Männer dann
erneut die Menge der Gegenkundgebung durchquerten und dem zurückkehrenden
Demonstrationszug entgegen liefen. Die Rechnung der gewaltbereiten
Neofaschisten ging nun auf: Sie provozierten in Hooligan-Manier
ein Gerangel, bei dem schnell nicht nur die Werbetafeln eines Ladens
umflogen. Polizisten klärten die Situation schnell und entschieden.
Für
die Gemeinschaft aus ausschließlich friedlichen und mit vielen
guten Vorsätzen beseelten Frankenberger Bürgern war der
Vorfall ein Schock. Wollten sie doch ihrem Bürgermeister beweisen,
dass ein friedlicher Protest gegen Rassisten und Neonazis niemals
etwas Zweifelhaftes sein kann, sondern Ausdruck einer gesunden und
couragierten Zivilgesellschaft ist. In Gesprächen erkannten
die Beteiligten dann aber, dass genau das auch das Ziel der Störer
gewesen sein muss: dem Bild des friedlichen zivilen Protests Schaden
zuzufügen.

Die
gewaltbereiten Störer erhielten in der Folge einen Platzverweis
und wurden von Polizisten zum Bahnhof begleitet. Gerüchte machten
die Runde, bei den Nazi-Hooligans handele es sich um eine Gruppe
aus dem Marburger Raum. Am Vormittag war die auffällige Gruppe
im Zug aus Marburg gesehen worden. Die bekannten Anhänger des
"Freien Widerstands" aus dem Raum Kassel waren,
wie bei solchen Aktionen in der Szene üblich, gemeinsam mit
dem Zug angereist. Der Fahrplan führte die Gruppe über
Marburg.

Nach
Auflösung der antifaschistischen Kundgebung am Mittag mussten
die Rassen-Prediger der NPD einsehen, dass ein Weitermachen jetzt
noch viel weniger Sinn machte. Die Engagierten aus BUND, ver.di,
IG-Metall Jugend, SchülerInnenvertretung, SPD, Grünen
und der LINKEN gingen nicht etwa nach Hause, sondern belagerten
den ollen Tapeziertisch der NPD weiter. Als die Vaterlandstreuen
gegen 13.00 Uhr die letzten flyer einpackten, wurde aus dem Trillerpfeiffen-Konzert
spontan ein anhaltender Applaus. Hatten Godenau und Kamerden bis
dahin noch verkrampft gelächelt, unter dem Jubel der gesamten
Fußgängerzone entgleisten ihre Gesichtszüge nun
merklich. Mit sichtbarem Unmut wurde die Hasspropaganda in die Kisten
geschmissen, der Tisch eingeklappt und der Sonnenschirm unter den
Arm geklemmt. Einzelne AntifaschistInnen begleiteten die vollgepackten
Parteisoldaten noch zum Parkhaus.
Tschüß
NPD!
Nachtrag,
23.09.2007:
Die
örtliche Tageszeitung HNA machte noch am Samstag die schlimmsten
Befürchtungen wahr und meldete: "Prügelszenen
am Rande der Demonstration gegen den NPD-Stand". Im Artikel
der online-Ausgabe des Blattes vom Samstag (HNA-online)
klärt die Redaktion nicht einmal auf, dass es sich bei dem
Vorfall um ein bewusstes Störmanöver der gewaltbereiten
Rechtsextremistischen Szene handelte. Der Leser bekommt den Eindruck,
dass Gegner der NPD randaliert hätten.

Die
Strategie der autonomen Rechten geht mit dem Beitrag der bekanntermaßen
sehr bürgerlich orientierten Hessisch-Niedersächsischen
Allgemeinen voll auf. Der berichtende Journalist und der "Freie
Widerstand" können sich gratulieren. Wir unterstellen
der Redaktion hier nicht, dass dies so beabsichtigt war. Möglicherweise
nahm man das durch die unsachliche Schilderung der Ereignisse entstandene
Bild von unfriedlichen Demonstranten aber in Kauf. Möglicherweise
sind auch einfach gar keine Kenntnisse zum modernen Rechtsextremismus
und entsprechenden Strategien vorhanden.
Wir
empfehlen den Chefredakteuren an dieser Stelle erneut, sich intensiver
mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist zu befürchten, dass
entsprechender Sachverstand noch benötigt wird. Es gibt vielfältige
Möglichkeiten, sich bei seriösen (auch staatlichen) Stellen
zu informieren. Eine kostenlose Broschüre des Innenministeriums
hätte in diesem Fall schon hilfreich sein könen.
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